Wer ist hier eigentlich verrückt?
Angesichts der Turbulenzen, die die Entscheidung von Saras Mutter auslöst, Tante Hulda aus der Reichweite ihrer Tochter zu entfernen, kann man als Leser schon ins Grübeln kommen. Denn zu diesem Zeitpunkt hat man die offenherzige, grundehrliche und fast immer gutgelaunte Hulda längst ins Herz geschlossen und verstanden, dass sie für Sara ein absoluter Glücksfall ist. Denn Sara ist in ihrem Leben nicht wirklich glücklich, mit ihren stets anderweitig beschäftigten Eltern und insbesondere mit ihrer sehr dominanten Mutter, die immer alles bestimmen will und ganz genau weiß, was für ihre Tochter das Beste ist. Dass die aber gar nicht Tennisspielen möchte, und schon gar nicht am Mittwochnachmittag, lässt die Mutter nicht gelten, und dass das Casting für ein Modefoto-Shooting auf Mallorca Sara nicht die Bohne interessiert, ist für sie unvorstellbar. Doch als es um Tante Hulda geht, beginnt Sara erst zaghaft und zunehmend selbstsicherer für ihre Überzeugung zu kämpfen. Und wird dabei von der zumeist fremdbestimmten Hulda moralisch unterstützt, denn die will auch überhaupt nicht aufs Land. Schließlich fühlt sie sich wohl in der Stadt, kommt mit vielen Leuten ins Gespräch und hat keinerlei Berührungsängste, etwa wenn sie die Punker am Hauptbahnhof ausfragt, wie man sich mit so einer Stachelfrisur zum Schlafen legt.
Genau in dieser Szene offenbart sich beispielhaft die Stärke von Heinleins Erzählung, denn sie lässt uns bei aller Komik, die Szenen wie diese beinhalten, innehalten und hinterfragt Vorurteile. Das wird durch die witzigen Illustrationen der unvergleichlichen Anke Kuhl noch verstärkt. Da die Geschichte konsequent Saras kindliche Perspektive einnimmt, ist sie auch für Kinder nachvollziehbar, denn mit Huldas mitunter bodenloser Naivität können sie sich wunderbar identifizieren. Und erfahren, dass ein vorbehaltloser Umgang mit seinen Mitmenschen manch überraschendes Ergebnis zutage fördern kann, auch wenn diese am Rande unserer Gesellschaft leben. Von daher hat Tante Hulda durchaus Vorbildfunktion, nicht nur für Kinder.

