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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 07:27

Damián Tabarovsky: Medizinische Autobiographie

14.02.2011

Der unglücklich verhinderte Aufsteiger

Damián Tabarovsky Medizinische Autobiografie. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

»Obwohl rasch verarmend, hielten diese Teile der Gesellschaft an den für Mittelschichten spezifischen Sitten und Gebräuchen fest. (...) Lange Wartezeiten, Schlangen vor der Notaufnahme, Fantasiepreise für Medikamente, miese Behandlung, für die Armen seit Generationen täglich Brot, war für Menschen aus den verarmten Mittelschichten immer noch ein Grund zu Empörung und Klagen. (...) Wer aus der privaten Krankenversorgung herausfliegt, verliert gewissermaßen die eigene Identität. Wenn das geschieht, zählt man nicht mehr zur Mittelschicht«.

 

Diese Zitate sind nicht einer Reportage oder einem Bericht über die sozialen Abstiegs-Ängste der deutschen Mittelschicht in einer unserer Qualitätszeitungen entnommen; sie finden sich vielmehr verwunderlicherweise in einem schmalen, nur 93 Seiten umfassenden belletristischen Buch des Berenberg-Verlags. Der gleichnamige Verleger höchstselbst hat es übersetzt. Sein Autor aber ist der 1967 in Buenos Aires geborene Damián Tabarovsky, der zwar in Paris studiert hat, aber heute in seiner Heimatstadt als Romancier, Essayist, Kolumnist und als Verleger lebt.

 

Sein erstes Buch auf Deutsch nun ist 2007 erschienen & heißt Medizinische Autobiografie - was aber weder für den Autor selbst zutrifft und noch für dessen Helden, obwohl der »Dami« heißt. Aber auch der junge Soziologe Dami ist nicht, wie´s die »Autobiografie« des Titels annonciert, sein Selberlebensbeschreiber. Dieses literarische Geschäft übernimmt ein namenloser Erzähler, der seinem bei einer Marketingfirma in Buenos Aires angestellten Helden in jeder Hinsicht haushoch überlegen ist. Vor allem, was Witz, Wissen & Willkür angeht.

 

»Ein windiger, sehr windiger Abend«

Was soll man von jemandem halten, der das erste der sechs Kapitel seiner Erzählung mit diesen zwei Sätzen beginnt: »Ein windiger, sehr windiger Abend. Kein Lüftchen regte sich« – und der nach diesem Christian-Morgensternchen Paradox so fortfährt: »Plötzlich ein Satz von John Donne: 'Veränderlich und somit elend lebt der Mensch; eben noch ging es mir gut, jetzt bin ich krank.' Woher dieser Satz? Von wem? Bestimmt nicht aus Damis Kopf. Dami hatte noch nie etwas von John Donne gehört, Poesie interessierte ihn nicht besonders, vor allem aber erfreute er sich ausgezeichneter Gesundheit«.

 

Von allem Anfang an befindet man sich in diesem Buch also erzählerisch auf unsicherem Boden und vermintem Gelände. Auch die Frage, worum es sich denn bei der Medizinischen Autobiografie handelt – Roman? Erzählung? Essay? – lässt sich nur mit der Vermutung beantworten: Von allem etwas – und alles in allem so etwas wie eine philosophisch verschmitzte Erzählung über die Werbe-, Marketing- und Medienbranche – im Geiste von Voltaire und Lawrence Sterne.

 

Denn die Abschweifung liebt Tabarovsky wie das Paradox & die Dialektik, wenn er sein ebenso ehrgeiziges wie arbeitsames Stehaufmännchen Dami bei seinen verzweifelten Versuchen begleitet, endlich aufzusteigen. Nur macht ihm jedes Mal im letzten Augenblick, bevor Dami die Ergebnisse seiner »soziokulturellen Tendenzforschungen« den Kunden stolz präsentieren kann, eine plötzlich auftretende Krankheit einen höchst schmerzhaften Strich durch seine Karriere-Rechnung: von einem Bandscheibenvorfall über ein Zwölffingerdarmgeschwür und einen eingewachsenen Zehennagel bis zu Allergien ereilen den verhinderten Karrieristen unberechenbar-unvorhersehbare Gegenattacken seines Körpers, die ihn jeweils wieder in ein anderes Territorium im Reich des Schmerzes katapultieren.

 

»Triumphs der Banalität«

Damián Tabarovsky, der in Paris an der »École des Hautes Études en Sciences Sociales« studiert & auch sonst sich gründlich mit europäischer Philosophie beschäftigt hat, prunkt ebenso anspielungsreich wie ironisch mit seinen soziologischen Kenntnissen, die ihm erlauben, der bürgerlichen Gesellschaft Argentiniens seine Zerrspiegel entgegenzuhalten. Aber bevor sich seine begrifflichen Streifzüge, Assoziationen & Bocksprünge über Freizeit, Anerkennung, Seilschaften, Narzissmus und über die Differenz von Ermüdung & Erschöpfung zu einer verlässlichen Aussage verdichten, hat sie seine stetige destruktive Lust am Paradox der Dialektik schon aufgelöst.

 

Auch dem Schmerz kann er, entgegen Ernst Jüngers Diktum, keinen heroischen Sinn abgewinnen &  Susan Sontags »Krankheit als Metapher« weist er ebenso entschieden zurück wie die Sinnhaftigkeit von Literatur. Tabarovsky postuliert: »Krankheit und Literatur als Unterbrechung ihres eigenen Mythos, ihres eigenen Strebens.« Ein Autodafe jeder ästhetischen Metaphysik von Kunst & Schmerz flammt hier zuletzt auf; denn die »Unterbrechung«, behauptet der argentinische Schriftsteller, »ist der Moment des definitiven Triumphs der Banalität«.

 

So komisch & gebildet Damián Tabarovsky seine Medizinische Autobiographie vor uns ausbreitet, so zweifelhaft reserviert fragt man sich als Leser doch am Ende, ob sein intellektueller Aufwand bei diesem Ergebnis lohnte. Ich jedenfalls würde lieber anhand von Chesterton zu den Paradoxen gehen, als mit dem argentinischen Dialektiker bei der Banalität zu landen.

 

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