Robert-Walser-Lesern wird warm ums Herz
Für eine solche leidenschaftslose Betrachtung des väterlichen Verfalls war ihm wohl auch eine Bemerkung Milan Kunderas hilfreich, die er zitiert: »Das einzige, was uns angesichts dieser unausweichlichen Niederlage, die man Leben nennt, bleibt, ist der Versuch, es zu verstehen.«
Wahrscheinlich – um nicht zu sagen: ganz sicher – hätte sich der Schriftsteller-Sohn gar nicht so sehr um die Lebensgeschichte des 1926 geborenen Vaters gekümmert, wenn er in dessen wachsender mentaler Abweichung von der braven Normalität nicht auch eine literarische Herausforderung gesehen hätte, in den väterlichen Worten & Antworten die poetischen Potentialien zu entdecken, die er am Ende jeden Kapitels in zarten Miniaturen aufbewahrt hat. Passionierten Robert-Walser-Lesern wird dabei ganz warm ums Herz; sie erspüren Verwandtschaften.
Glücklicherweise verläuft die Alzheimer-Erkrankung des Vaters – zumindest solange sie Arno Geiger schreibend begleitet, weil er noch zu Lebzeiten des Vaters darüber schreiben wollte – nicht aggressiv oder bösartig. Da haben beide Glück gehabt.
Der alte Herr, der einmal das dritte von zehn Kinder in einem armen Vorarlberger Kleinbauernhaushalts war & sich eine unbäuerliche Arbeit suchen musste, behält trotz Alzheimer noch seinen Witz & Charme – oder gewinnt er sie erst gar im Laufe der sechs Jahre, während deren Arno Geiger den »alten König« auf seinem Weg ins »Exil« begleitet hat?
Begleitet auch in dem Sinne, dass er den väterlichen Fiktionen entsprach, als seien sie Realitäten & dass er peinlich darauf achtete, den Verwirrten in seiner Würde nicht zu verletzen oder durch Widerspruch (z.B. dem Beharren auf dem Realitätsprinzip) ihn zu verängstigen.
Nichts in seinem Leben hatte den mit achtzehn Jahren 1944 an die Ostfront einberufenen jungen Vorarlberger Bauernburschen, der bald darauf in Kriegsgefangenschaft geraten und gerade noch am Typhus-Tod vorbeigekommen und nach einem langen Marsch wieder nachhause gefunden hatte: Nichts hatte den Vater des Schriftstellers mehr irritiert, als die zwangsweise Entfernung von der Heimat. Nie hat er sie danach als Erwachsener noch einmal verlassen, berichtet sein Sohn, der – wie seine anderen »hausflüchtigen« Geschwister – nur noch in den Ferien und besuchsweise ins väterliche Domizil zurückkehrte.
Zugleich aber beschreibt der Autor am Beispiel des Vaters und seiner Frau & Kinder, wie eine alte ländliche Lebensform unaufhaltsam verschwindet – und nichts Gleichwertiges an ihre Stelle tritt.
Es ist ein sehr schönes, ganz unsentimentales & dabei doch immer wieder tief bewegendes kleines Buch über Ungeduld & Sanftmut, Verzweiflung & Gelassenheit, Komik & Zärtlichkeit geworden, dessen literarische Form sich seiner geistigen Bewegung & essayistischen Beweglichkeit aufs Angenehmste anpasst – bis Erzählung & Reflexion am Ende gewissermaßen verfliegen und erlöschen in kleinen Gedankenminiaturen.
Daraus sei ein dort notierter Passus zitiert, der das vielfache Staunen des Sohnes über den Vater & über sich selbst festhält und den bedachtsamen Charakter von Arno Geigers Das alte König in seinem Exil in nuce enthält: »Es trifft mich immer unvorbereitet, wenn mir der Vater mit einer Sanftheit, die mir früher nicht an ihm aufgefallen ist, seine Hand an die Wange legt, manchmal die Handfläche, sehr oft die Rückseite der Hand. Dann erfasse ich, dass ich nie enger mit ihm zusammensein werde als in diesem Augenblick«.
