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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 07:29

Björn Kuhligk: bodenpersonal

07.02.2011

Miniaturen aus dem Alltag

Im Quartheft 21 stellt das Berliner Verlagshaus J. Frank die erste Prosasammlung des Autors Björn Kuhligks unter dem Titel bodenpersonal vor – ein Dialog zwischen den Kulturen. Von HUBERT HOLZMANN

 

Die Illustration auf dem Schutzumschlag stimmt nachdenklich. Zwei Gesichter, südländisch, blicken melancholisch drein. Eine der Gestalten steht auf der Ladefläche eines LKW. Transport, Reisen, endlose Distanz, Transit. Das klingt nach Alltag, Enttäuschung, Frustration, Entfremdung. Verborgen im Titel bodenpersonal.

 

Björn Kuhligk, geb. 1975 in Berlin, versammelt in diesem liebevoll gestalteten Bändchen, dessen Illustrationen und typografische Gestaltung mit dem Motiv der Reise korrespondieren, 24 kurze Erzählungen. Es sind Miniaturen, Begegnungen, Berührungen, Entfremdungen, ein aneinander Vorbeigehen. Oliver Hummels scheinbar mühelos hingeworfene skizzenhafte Illustrationen begleiten die Texte. Seine türkischen Köpfe wirken dabei etwas desillusionierend, sie sind nahezu erwartungslos. Vielleicht ein Nachblicken des Bodenpersonals? Andere gehen hier auf Reisen.

 

Erwartungen, Hoffnungen, Realität

Kuhligk entwirft in seinen Texten Momentaufnahmen, wirft einen kurzen Blick durch ein Zugfenster, besucht mit Freunden das Konzert eines türkischen Superstars, wird von einer Familie zum Essen eingeladen, besichtigt eine Ausgrabungsstätte. Immer rauscht das Leben an ihm vorbei. Es ist das Zufällige, das er auch in löwenmilch schildert: Zwei Männer trinken zusammen in einem Speisewagen einige Gläser Raki. Es ist das Nebensächliche, in dem sich die Gedanken des Autors spiegeln: »Der Zug fährt in einen Tunnel. Ich sehe unsere gespiegelten Köpfe im Fensterglas. Zwei fehlerhafte Systeme. Ich sag es ihm nicht. Ich entdecke hinter Emre einen gerahmten Atatürk an der Wand. Der Zug verlässt den Tunnel.« Die Gedanken entstehen im Vorübergehen. Das Eigentliche bleibt unausgesprochen.

 

Seinen Prosastücken fügt der Autor oft eine zweite, beinahe kontrapunktische Stimme hinzu. Sie bedeutet Intimität, Intensität, sie macht das Innenleben des Erzählers sichtbar. Der sich auf den Augenblick zu konzentrieren versucht. Aber immer wieder drängt Erinnerung an die Oberfläche. jetzt im himmel – eine »zweistimmige Invention«?

 

»Wie die Bäume in der Ferne aufflammen. Mit einer derart intensiven Sonne hatte er nicht gerechnet. Die Aktentasche trug er in der rechten Hand, während er die Haustür hinter sich zuzog...

Ich mochte es nie, wie sie morgens ihren Kaffee trinkt.

Sein Flug hatte ca. 30 Minuten Verspätung...

Über den Fensterplatz, der ihm zugewiesen wurde, freute er sich. Der Platz neben ihm blieb frei.

Ich sitze jeden Tag im selben Raum und warte, dass die Zeit vergeht.

Jetzt ist Himmel.«

 

Die Reise in Gedanken

Eigentlich eine harmlose Story, ein Mann, der sich nach Südfrankreich »wegbeamt« – alles minutiös geplant, unzählige Male durchgespielt, die Reise, in Gedanken. Alles nur angedeutet. »Das Meer ist nicht weit. Der Gedanke genügt mir.« Es sind die gewöhnlichen, harmlosen, gar banalen Situationen, normale Frauen und Männer, von denen in den Geschichten die Rede ist. Der Text eine insel erzählt von einer Urlaubsreise, sie ist gestrickt aus drei Ebenen: einmal die Handlung aus Sicht des Erzählers, dann ein dialogisches Spiel von Mann und Frau »Geht es dir gut? Sie war sich nicht sicher... Geht es dir gut? Ich war mir sicher.« und drittens ein refrainartiger lyrischer Rückbezug auf Vergangenes. Selbstreflexion?

 

»Ich möchte einen kleinen Teil beschreiben.

Und eine Frau, die ich liebte.

Auch eine Insel.«

 

Kuhligk lässt den Leser allein. Im Dunkel. Komponiert kleine Motive. Gedanken aneinandergereiht, nur andeutend. Am Schluss vermeidet er jede Deutung, kurz nur klingt es nach Hoffnung.

 

»Wir fuhren mit dem Auto durch die Dämmerung. Nach Stunden hielt ich auf dem Seitenstreifen und schloss die Augen.

 

Ich wollte es einfach.

Etwas einfaches Schönes.

Die Erinnerung ist ein Kleiderschrank.

Da gehen die Hemden rein und raus.

Ich möchte nur einen Teil.

Und auch das Wasser.


Nachts auf der Allee. Vera am Steuer. Richtung Süden. ... Seit Tagen meine Überlegungen, wie man jemanden festhalten kann.

Am Strand trug sie kein Kopftuch. Der Wind ließ es flattern.

– Ich liebe dich.«

 

Was bleibt, sind Augenblicke, Begegnungen, Sehnsüchte, ein kurzes Intermezzo, so wie in der Skizze das ist gut: »Ich bin genauso alt wie du, sagt eine Stimme neben ihm. Er dreht den Kopf. Ich bin nicht einfach, sagt sie. Ich auch nicht, antwortet er. Das ist gut, flüstert sie.« Der Bogen schließt sich. Viele der Prosaminiaturen sind Reiseerinnerungen, Skizzen, Impressionen aus der Türkei. Landestypisches. Alltägliches. Lyrisches. Auch für die Reise.

 

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