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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 07:30

Jane Eagland: Mein Herz so wild

07.02.2011

Übermäßiges Studium zerrüttet den weiblichen Geist

Dies war im viktorianischen England um das Jahr 1870 landläufige Meinung unter Wissenschaftlern. Damit hat die aufgeweckte Louisa kaum eine Chance, ihren Berufswunsch Ärztin zu verwirklichen. Doch es kommt noch schlimmer ... Von BEATE MAINKA

 

Eigentlich hat Louise Cosgrove für ein Mädchen ihrer Zeit noch Glück. Ihr Vater, ein Vollblutarzt mit einer ländlichen Praxis, hat Gefallen am Wissensdrang seiner Tochter und fördert sie in gleichem Maße wie deren älteren Bruder Tom. So reift in dem intelligenten Mädchen der Wunsch, Ärztin zu werden, obwohl ein studierendes Mädchen als »männisch« und damit schwer zu verheiraten gilt. Die Mutter jedenfalls betrachtet die Entwicklung ihrer Tochter mit Sorge und steuert dagegen. Als der Vater stirbt, wird Louise unter einem Vorwand zu einer befreundeten Familie geschickt, findet sich aber in einer Anstalt für geistig verwirrte Frauen wieder. Damit beginnt für Louise ein  Alptraum aus Demütigung, Schikanen und körperlicher Folter, aus dem es scheinbar kein Entrinnen mehr gibt, denn niemand glaubt ihre Geschichte. Doch allmählich beginnt sie sich aufzulehnen, zögernd erst, doch mit zunehmendem Mut und dank der Hilfe einer Pflegerin, die ihr glaubt.

 

Weggesperrt

Vergessen Sie alles, was Sie jemals über Irrenhäuser des 19. Jahrhunderts gehört haben, es war schlimmer, viel schlimmer. Jane Eagland nimmt ihre Leser mit in die Hölle auf Erden, einen Ort, an dem das Individuum ausgelöscht und einfach weggesperrt wird. Das alles beginnt reibungslos zu funktionieren, sobald ein männliches Mitglied einer Familie die Einweisung  unterschreibt und auch nur er kann diese widerrufen. Frauen sind auf Gedeih und Verderb dem Willen ihrer Väter oder Ehemänner, ja sogar der nächsten männlichen Verwandten unterworfen. So konnten unangepasste Frauen auf elegante Weise aus der Öffentlichkeit entfernt werden. Waren sie bis dato geistig gesund, spätestens hier hatten sie gute Chancen, an ihrem Leben irre zu werden. Hinzu kam der reichliche Gebrauch sedierender Medikamente.

 

An einem solchen Ort landet Louise zu Beginn der Handlung und erst allmählich, in einzelnen Rückblenden, beginnt der Leser zu ahnen, was zu dieser menschlichen Katastrophe geführt hat. Denn das Mädchen entspricht den Anforderungen der Gesellschaft an eine junge Dame in kaum einem Punkt. Konversationen bei nachmittäglichen Besuchen findet sie langweilig, sie vertieft sich lieber in die medizinische Bibliothek ihres Vaters. Und heiraten will sie schon gar nicht, doch das hat noch einen anderen Grund als ihren außergewöhnlichen Berufswunsch. Ganz allmählich beginnt ihr zu dämmern, dass sie sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt, was gänzlich undenkbar ist.

 

Eaglands packendes und zugleich sehr anrührendes historisches Jugendbuch führt jungen Mädchen auf dramatische und zuweilen drastische Weise vor Augen, wie fremdbestimmt Frauen vor gar nicht allzu langer Zeit waren. Sie vertieft die Absurdität dieser Tatsache dadurch, dass sie die Geschichte aus Louises persönlicher Perspektive erzählt, man durchlebt ihr allmähliches Begreifen, ihre Rückerinnerungen, ihre tiefe Verzweiflung, aber auch ihren Mut, sich gegen scheinbar Unvermeidliches aufzulehnen und nach vorne zu blicken. Und ist am Ende als weiblicher Leser froh, dass diese Zeiten hinter uns liegen. Nur die Übersetzung des Titels – im Original Wildthorne, so heißt die Anstalt – gibt Anlass zur Kritik, denn von einer romantischen Geschichte ist dieses Buch meilenweit entfernt.   

 

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