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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 07:35

Hans Magnus Enzensberger: Meine Lieblings-Flops, gefolgt von einem Ideen-Magazin

28.02.2011

So viel Enzensberger war nie

Ein Rückblick auf über fünf Jahrzehnte Arbeit – Hans Magnus Enzensbergers »Revue« Meine Lieblings-Flops, gefolgt von einem Ideen-Magazin. Durchgeackert von HUBERT HOLZMANN

 

»Neuerdings ertappe ich mich dabei zu bewundern. (...)

Ja, ich bewundere sie, fast alle,

Verlierer, unaufhaltsame,

wie sie tasten und wühlen.« (Leichter als Luft)

 

Wer wollte nicht schon mal in seinem Leben ein ganz großen Ding drehen, sein Haus verkaufen und gegen ein Wohnmobil eintauschen, in die Ferne ziehen und all die Träume und Pläne in die Tat umsetzen. Spätestens hier dumpfes Erwachen. In der Realität, die uns einholt. Enzensberger scheint sich diese Träume erhalten zu haben. Er kämpft noch immer gegen diese Realität an. Optimistisch, sonst gäbe es kein Schreiben mehr. »Ich für meinen Teil gestehe, dass ich wenigen Erfahrungen so viel verdanke wie meinen Flops; ich behaupte sogar, dass sie mir im Lauf der Zeit immer mehr ans Herz gewachsen sind.«

 

Fallhöhe und Distanz

Enzensberger beginnt seinen »abendlichen« Flashback, seine »Erleuchtung« mit einem etymologischen Vorspiel zum »Flop«. Seine Nachforschung, die sogar die lautmalerische Qualität des Wortes mit einschließt, ist eigentlich witzig, jedoch vermisst der beckmesserische Leser den Bezug zum sportlichen Fosburyflop, einer Hochsprungtechnik, die genau das beschreibt, was mit Enzensbergers Projekten passiert: jeder neue Schreib- und Produktionsversuch ist immer ein Wagnis, bedeutet das Überwinden eines Hindernisses und den Schock, den das »plötzliche« Reißen der selbstredend hoch gelegten Latte provoziert.

 

Enzensbergers Pläne klingen auf den ersten Blick oft spannend und durchaus realisierbar, dennoch ist vieles trotz allem eher spröde und akademisch. Der zentrale Aspekt der Unternehmungen oft didaktisch ambitioniert, fern jeden Unterhaltungswerts, jedenfalls nach heutigen Maßstäben unserer schnelllebigen Pop- und Flop-Kultur. Enzensbergers Arbeiten scheinen inhaltlichen Beweggründen zu entspringen. Das Publikum zu verführen ist nicht seine Absicht. All das wirkt ein bisschen wie barocke Oper: Grundlage dort die Helden der griechischen Mythologie, Folie eines immer gleichen Repräsentationsgestus im Absolutismus. Zwar ungeheure aristotelische Fallhöhe, obgleich immer verbunden mit einer ungeheuren Distanz zum Publikum und damit zur Wirklichkeit. Viele dieser Opern waren eigentlich längst vergessen, wurden in unserem historischen Musikfanatismus wieder aus den Archiven geholt, entstaubt und zum Leben erweckt. So das »Flop«-Buch mit Texten, Opernlibretti, Filmdrehbüchern und Theaterentwürfen des Dichterverlegers Enzensbergers des Großen.

Enzensberger beginnt seinen »abendlichen« Flashback, seine »Erleuchtung« mit einem etymologischen Vorspiel zum »Flop«. Seine Nachforschung, die sogar die lautmalerische Qualität des Wortes mit einschließt, ist eigentlich witzig, jedoch vermisst der beckmesserische Leser den Bezug zum sportlichen »Fosburyflop«, einer Hochsprungtechnik, die genau das beschreibt, was mit Enzensbergers Projekten passiert: jeder neue Schreib- und Produktionsversuch ist immer ein Wagnis, bedeutet das Überwinden eines Hindernisses und den Schock, den das »plötzliche« Reißen der selbstredend hoch gelegten Latte provoziert.

 

Enzensbergers Pläne klingen auf den ersten Blick oft spannend und durchaus realisierbar, dennoch ist vieles trotz allem eher spröde und akademisch. Der zentrale Aspekt der Unternehmungen oft didaktisch ambitioniert, fern jeden Unterhaltungswerts, jedenfalls nach heutigen Maßstäben unserer schnelllebigen Pop- und Flop-Kultur. Enzensbergers Arbeiten scheinen inhaltlichen Beweggründen zu entspringen. Das Publikum zu verführen ist nicht seine Absicht. All das wirkt ein bisschen wie barocke Oper: Grundlage dort die Helden der griechischen Mythologie, Folie eines immer gleichen Repräsentationsgestus im Absolutismus. Zwar ungeheure aristotelische Fallhöhe, obgleich immer verbunden mit einer ungeheuren Distanz zum Publikum und damit zur Wirklichkeit. Viele dieser Opern waren eigentlich längst vergessen, wurden in unserem historischen Musikfanatismus wieder aus den Archiven geholt, entstaubt und zum Leben erweckt. So das »Flop«-Buch mit Texten, Opernlibretti, Filmdrehbüchern und Theaterentwürfen des Dichterverlegers Enzensbergers »des Großen«.

 

Hollywood, Humboldt und Henze

In spielerisch kokettem Ton erzählt Enzensberger von intelligenten Filmproduzenten, die ihn kontaktieren, um ihnen bei der dramaturgischen Planung zur Seite zu stehen. Er hat die Aufgabe inhaltlich einen Zweiteiler zu Alexander von Humboldt zu planen: Bibliotheksrecherche, Arbeitsessen mit Vertretern der Öffentlich-Rechtlichen, ungebremster Enthusiasmus, die Schreibarbeit folgen. Was rauskommt: Ein durchaus charmanter dramaturgischer Entwurf, auf dem Hintergrund von Humboldts Biografie. Das Ende absehbar: Der Regisseur, talentiert, begeistert, ist terminlich anderweitig gebunden, bei den Fernsehanstalten überwiegt Skepsis, das Projekt strandet. Wenn man Enzensberger kennt, überwiegt dennoch Neugier beim Leser. Gibt es Fundorte in seinem dichterischen Werk? Fündig wird man in seinen lyrischen – die Flops heilenden – »Elixieren«

 

Alexander von Humboldt (1769-1859)

»Für brennende Krater,

die er leidenschaftlich besteigt, vermisst und betastet, hegt er

Vulkanist und Vulkanologe, eine wahre Manie. Vereinsamt

gedenkt er der Jünglinge, die ihm gefielen.«

 

Auch das Musiktheater funktioniert nicht immer nach ganz einfachen, durchschaubaren Gesetzmäßigkeiten. Nur dass hier zumindest eine Uraufführung über Gelingen oder Durchfallen entscheidet. Hans Werner Henzes La Cubana ist Beispiel für ein Experiment. Für Enzensberger sofort eine Schuldfrage, oder Verschwörung von Intendanz, Dirigenten, ausführenden Künstlern, Garderobefrauen etc. Henzes Musik – Chansons, Zirkus-Alhambra-Militärgerassel – klammert Enzensberger aus. Ganz anders – und ehrlich direkt – schildert das Henze selbst in seinen »Böhmischen Quinten«: »Ich tat mich schwer bei der Erfindung der Cubana-Musik.« Die Langatmigkeit des Dokumentarromans ist das eigentliche Problem. Der desaströsen Aufführung am Münchner Gärtnerplatztheater widmet Henze zwei abwinkende Sätze.

 

Ideen-Magazin - Skizzen oder Seifenblasen?

Ermüdend wirkt mit der Zeit der gleichförmige Kreislauf der Flops: Zündende, hochgelobte, vor Selbstbewusstsein strotzende Ideen, an Calderon und Shakespeare zu messen. Und dennoch: Die Produzenten verharren in lebhaftem Interesse, stecken in einer momentanen Kreditklemme oder – sterben einfach kurz vor der Realisation weg. Frechheit! Dafür kann doch Enzensberger nichts. Psychologisch gesehen ist er äußerst überlebensfähig. Alles nur fremdverschuldetes Unglück! Sein Optimismus ist bewundernswert, ja notwendig. Er zeigt uns Lesern, wie hart das Filmgeschäft oder der Musiktheaterbetrieb in Wirklichkeit funktionieren. Das ist unglaublich, eine Novität! Und die Audienzen bei den Größen des Filmgeschäfts, die Treffen mit Göttern wie Henze, Feydeau, Hans Werner Richter? Von autobiografischem Interesse. Im Zusammenspiel mit Erinnerungen der Zeitgenossen eine Ergänzung, ein Rückblick.

 

Leider gerät Enzensberger Schreibe oft ins Stocken, immer muss er seine Projekte bildungsbeflissen garnieren, gerade wenn er uns sein Ideen-Kabinett aufschließt: Dann zaubert er alte Namen aus seinem Hut: Lukian, Wieland, Diderot, Lessing, Brecht. – Alles ein bisschen sehr didaktisch. Dann doch lieber Enzensbergers luftige Gedichte, Kalendersprüche und Weltweisheiten: »Die Leber ist stumm. Leicht ist der Staub. Der Baum ist nicht dumm. Die Götter sind taub. ... Die Erde ist alt. Warm ist der Schoß. Die Toten sind kalt. Das Nichts ist groß.« Der Rest gehört – um an »Druckfrisch« mit Denis Scheck zu erinnern – in die Tonne?

 

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Ja, Enzensberger ist zu intelligent fuer die Welt. Ich habe zwei HME Essay Sammlungen in der USA uebersetzt und verlegt, auch die Essay-Gedichte MAUSOLEUM verlegt. Nada.
| von Michael Roloff, 23.05.2011

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