Adriana Altaras: Titos Brille
24.02.2011
Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution
Als Adriana Altaras mit 44 Vollwaise wird, erbt sie einen altersschwachen Mercedes, eine seit Jahrzehnten nicht mehr aufgeräumte Wohnung und ein laufendes Restitutionsverfahren gegen die kroatische Regierung. Schlimmer noch: die Familienlegende von Titos Brille entpuppt sich als Farce. Von INGEBORG JAISER
Er ist Jude, gebürtiger Kroate, ehemaliger Partisan, erfolgreicher Oberarzt, Beamter auf Lebenszeit, notorischer Espresso-Trinker und nonchalanter Frauenheld – klein gewachsen, schwarz gelockt, zäh und ehrgeizig: Jakov Altaras, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Gießen. Als der ausgewiesene Spezialist für Pankreaserkrankungen ausgerechnet an Bauchspeicheldrüsenkrebs stirbt, erlebt die hessische Universitätsstadt fast ein Staatsbegräbnis. Lediglich der etwas deplatziert wirkende Ersatzrabbiner mit seiner Aldi-Tüte gibt kein gutes Bild ab.
Trauer to go
Als wenig später auch noch Jakovs Ehefrau Thea verstirbt – eine zielstrebige, energische Architektin – ist das Schlamassel perfekt. Tochter Adriana, Regisseurin am Berliner Maxim-Gorki-Theater, wird mitten aus den Proben für das Stück Trauer to go herausgerissen, um ihre Mutter zu beerdigen und den elterlichen Hausstand aufzulösen. Angesichts der schieren Menge an Möbel, Dokumenten und Erinnerungsstücken, streicht sie verzweifelt die Segel. »Statt Geschichtsunterricht sollte man Wohnungsauflösungen als Pflichtfach einführen«.
Entlang der aufgefundenen Briefe, Fotos und Zeugnisse zeichnet Adriana ein ausladendes, kurioses Sittenbild ihrer weit verzweigten, „strapaziösen Familie” in den zeitgeschichtlichen Wirren des 20.Jahrhunderts. Und manche Familiengeheimnisse werden nicht erst jetzt aufgedeckt: die mutige Partisanen-Vergangenheit der Eltern, die Flucht über Italien nach Deutschland, das beharrliche Emporkämpfen im Wirtschaftswunder-Deutschland, Adrianas Aufenthalt in einem Waldorf-Internat (»wenn ich irgendwo punkten will, muss ich nur beiläufig erwähnen, dass ich 12 Jahre im Internat verbracht habe«), die verzwickten Verwandtschaftsverhältnisse und nicht zuletzt die komplizierten jüdischen Riten und Gebräuche, denen sich die Familie Altaras doch immer wieder geschickt und mit Witz entzieht.
Alles auf Zucker?
Adriana Altaras, 1960 in Zagreb geboren, als Schauspielerin, Regisseurin und Autorin in Berlin lebend, hat in Titos Brille unbestritten ihrer eigenen Familie ein Denkmal gesetzt. Mit schnoddrigem Witz und lakonischer Selbstironie schildert sie die abstrusen Irrungen und Wirrungen in ihrem jüdisch geprägten Kosmos, nebst liebevoll gezeichnetem Personal: hier der neurotisch überkandidelte Sandkastenfreund Raffi, der hinter jeder unbedachten Äußerung einen antisemitischen Affront wittert – dort der bis zur Ignoranz stoische, westfälische Ehemann Georg, den selbst die größten Familienkatastrophen nicht aus der Contenance bringen können. Hier die pummelige, etwas tumbe Halbschwester aus Zagreb – dort die fußballsüchtigen, pubertierenden Söhne in Berlin. Hier die mondäne, übergroße Sonnenbrillen tragende italienische Tante – dort die nach Amerika emigrierten und überraschend assimilierten Verwandten väterlicherseits.
Nicht umsonst fühlt man sich in manchen Szenen frappierend an Dani Levis urkomischen Film Alles auf Zucker erinnert; immerhin hat Adriana Altaras darin – und in zahlreichen weiteren Filmen – als Schauspielerin mitgewirkt. Ihr erster autobiographischer Roman ist ein anrührendes, herrlich witziges Stück europäischer Zeitgeschichte!

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