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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 07:37

Kevin Brooks: Killing God

14.03.2011

Höhlenmädchen

Die Personen in Kevin Brooks‘ Romanen rekrutieren sich aus den Randbereichen der menschlichen Gesellschaft, das ist in Killing God nicht anders. Dass der 51jährige Autor allerdings die Erzählperspektive einer 13jährigen einnimmt, die schwerste seelische Verletzungen erlitten hat, klingt nach einem gewagten Experiment. Von BEATE MAINKA

 

Dawn hat ihre beiden Dackel Jesus und Mary, die Musik ihrer Lieblingsgruppe und eine Mutter, die trinkend und rauchend die meiste Zeit des Tages vor dem Fernseher verbringt. Freunde hingegen hat sie nicht. Will sie auch gar nicht, am liebsten wäre sie nämlich unsichtbar in ihrer inneren Höhle. Und sie hatte einen Dad, der eines Tages spurlos verschwunden ist und eine Tasche mit viel Geld und einer Pistole zurückgelassen hat. Dawn hat ihren Dad geliebt, obwohl der nie richtig gearbeitet hat, oft Drogen nahm und sich herumgetrieben hat. Doch dann wurde er religiös und begann zu trinken und dann kam er eines Nachts völlig betrunken in ihr Zimmer. Seitdem möchte Dawn Gott am liebsten umbringen, aber das gestaltet sich schwierig, wie ihr ganzes Leben seither. Irgendwann stehen die beiden meistgefürchteten Mädchen der Schule in Dawns Zimmer und suchen ihre Nähe, doch warum? Es wird Zeit für Dawn, ihr einsames Höhlendasein aufzugeben und ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen.

 

Experiment gelungen

Kevin Brooks hat in einem Interview einmal gesagt, dass er beim Schreiben eine Metamorphose durchmache, er lebe seine Figuren. Dennoch ist der Anspruch an sich selbst, die Gedankenwelt eines inzestuös missbrauchten Mädchens nachzuempfinden und gekonnt zu erzählen, geradezu beängstigend hoch. Doch Brooks gelingt dieses Kunststück, er nimmt seine Leser von Anbeginn an mit in Dawns Innerstes, dem sie in ihrem Tagebuch Ausdruck verleiht. Dabei fällt er nicht mit der Tür ins Haus; erst ganz allmählich offenbart sich die Ungeheuerlichkeit, die der Leser ahnt, Dawn selber aber nie auszusprechen wagt. Zu tief sitzt der Schmerz über diesen doppelten Vertrauensbruch, an ihr und an ihrer Mutter, die seit dem Verschwinden des Ehemannes alkoholumnebelt vor dem Fernseher versumpft. Auch hier kein Sterbenswort über das Geschehene zwischen Mutter und Tochter. Dawns Einsamkeit ist grenzenlos, sie weiß nicht einmal, ob ihre Mutter ahnt, was zwei Jahre zuvor geschah. Nur ihre beiden Dackel vermögen ihr ein wenig Geborgenheit zu vermitteln, ansonsten Fehlanzeige.

Dass dieses Mädchen nicht nur an der Welt, sondern auch an Gott verzweifelt, nimmt nicht wunder. Ihr Dad verlor sich, als er sich sektiererischen Religionsverkäufern anschloss, die ihn um den Verstand brachten, den er von da an versoff. Dawns Schlussfolgerung, Killing God, ist daher ebenso logisch wie nicht umsetzbar.

 

Auswege...

…scheint es keine zu geben aus dieser elenden Situation, aber der Roman wäre kein echter Brooks, wenn es nicht zumindest einen kleinen Hoffnungsschimmer gäbe. Das Ende, soviel sei verraten, kommt wie der letzte Showdown daher, grausam, überraschend, überwältigend. Und gibt bei all seiner scheinbaren Ausweglosigkeit Dawn endlich die Möglichkeit, zurückzukehren ins Leben. Doch bis dahin führt Brooks seine Leser durch die Hölle eines Mädchens, die bereits mit 11 Jahren von allen verraten und verlassen wurde, außer von ihren Hunden. Und das Traurige daran ist, man glaubt ihm jedes Wort!

 

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