Experiment gelungen
Kevin Brooks hat in einem Interview einmal gesagt, dass er beim Schreiben eine Metamorphose durchmache, er lebe seine Figuren. Dennoch ist der Anspruch an sich selbst, die Gedankenwelt eines inzestuös missbrauchten Mädchens nachzuempfinden und gekonnt zu erzählen, geradezu beängstigend hoch. Doch Brooks gelingt dieses Kunststück, er nimmt seine Leser von Anbeginn an mit in Dawns Innerstes, dem sie in ihrem Tagebuch Ausdruck verleiht. Dabei fällt er nicht mit der Tür ins Haus; erst ganz allmählich offenbart sich die Ungeheuerlichkeit, die der Leser ahnt, Dawn selber aber nie auszusprechen wagt. Zu tief sitzt der Schmerz über diesen doppelten Vertrauensbruch, an ihr und an ihrer Mutter, die seit dem Verschwinden des Ehemannes alkoholumnebelt vor dem Fernseher versumpft. Auch hier kein Sterbenswort über das Geschehene zwischen Mutter und Tochter. Dawns Einsamkeit ist grenzenlos, sie weiß nicht einmal, ob ihre Mutter ahnt, was zwei Jahre zuvor geschah. Nur ihre beiden Dackel vermögen ihr ein wenig Geborgenheit zu vermitteln, ansonsten Fehlanzeige.
Dass dieses Mädchen nicht nur an der Welt, sondern auch an Gott verzweifelt, nimmt nicht wunder. Ihr Dad verlor sich, als er sich sektiererischen Religionsverkäufern anschloss, die ihn um den Verstand brachten, den er von da an versoff. Dawns Schlussfolgerung, Killing God, ist daher ebenso logisch wie nicht umsetzbar.