Martha Grimes: All die schönen Toten
14.03.2011
Mit Hilfe von Kommissar Zufall
Dass Martha Grimes neuer Krimi All die schönen Toten hier noch nicht besprochen wurde, obwohl er schon seit einiger Zeit auf dem Markt ist, war kein Verlust. Dass er nun dennoch besprochen wird, ist der Popularität der Autorin und ihres Protagonisten – Superintendent Richard Jury – zu verdanken. Von JÖRG ESCHENFELDER.
All die schönen Toten ist ein Krimi, der all die Autoren zur Verzweiflung treibt, deren Manuskripte abgelehnt werden. »Warum wird so ein Buch veröffentlicht?«, mögen diese verzweifelt ausrufen. All die schönen Toten ist weder originell, noch sonderlich gut geschrieben. Dennoch reserviert der Verlag einen kostbaren Programmplatz, die Arbeit eines Lektors, Marketing-Gelder und noch vieles mehr dafür. Die Erklärung ist ganz einfach: Weil Martha Grimes so etabliert ist und eine so stabile Fangemeinde hat, dass man fast alles von ihr veröffentlichen kann – und immer noch genügend Abnehmer findet, damit es sich rechnet. So läuft das Geschäft nun einmal. Ab einem gewissen Punkt ist Qualität Nebensache. Wenn Martha Grimes das Manuskript unter Pseudonym eingereicht hätte, wäre es sicher abgelehnt worden.
Aber der Reihe nach. Die (einzig) gute Nachricht für alle Fans von Martha Grimes ist die: Superintendent Richard Jury ist nach wie vor aktiv. Das war das Positive.
Ansonsten: ein schlecht konstruierter Plot, eine geklaute Idee. Na, seien wir mal nicht so – die Idee ist »entliehen« und wird oft genug durch Verweise quellenmäßig belegt. Es geht um drei tote Frauen um die dreißig. Alle sind schön, auffallend gut und teuer gekleidet und tragen sündhaft teure Schuhe. Und sie waren für exklusive Escort-Agenturen tätig. Ansonsten gibt es keine Verbindung zwischen den Damen und auch die Tatmuster sind zu unterschiedlich, um Ermittler Richard Jury in eine bestimmte Richtung zu lenken.
Eifersüchtige Frauen und sprechende Katzen
Die Lösung der Fälle ist einfach und wird mehrfach mehr oder weniger deutlich angekündigt: Es handelt sich um motivlose Überkreuz-Morde. Zwei Frauen, die eigentlich keine Verbindung zueinander haben, verabreden sich, die jeweiligen Gegenspielerinnen zu ermorden. Morde über Bande sozusagen. Eine von ihnen ist eine verzogene, selbstsüchtige Frau, die die Geliebte ihres Gatten aus dem Weg räumen will. Die andere möchte ihre Ex-Geliebte loswerden, weil diese nun einen Mann liebt.
Wie soll da ein Superintendent auf die richtige Spur kommen? Mit Hilfe von Kommissar Zufall. Muss ja auch so sein, denn an sich ist der Plan perfekt. Das ist ja gerade der Clou bei den Vorlagen für diese Konstruktion: das perfekte Verbrechen. Eine der Mörderinnen ist wütend und verplappert sich, und das nur, weil Jury sie abblitzen lässt. Sie gibt ein Detail preis, dass sie eigentlich nicht wissen kann. Jury ist hellhörig – und der Lösung steht nichts mehr im Wege.
Auf dem Weg dahin gibt es noch eine Nebenstory um eine entführte Katze und den Tatverdächtigen Henry Johnson, der Jury verwirren und ärgern will, und dem Jury wegen eines früheren Falles die Tat gerne nachweisen würde. Im Rahmen der eigentlichen Story ergibt das zwar keinen Sinn; aber Martha Grimes hat so die Möglichkeit, ihrer verstorbenen Katze Blackie, der das Buch gewidmet ist, ein Denkmal a la Rita Mae Brown zu setzen: mit Dialogen zwischen Katzen und einem Hund.
Uninspiriert, doch die Hoffnung stirbt zuletzt
Doch was ist mit dem Charme der Jury-Reihe? Was ist mit dem englischen Lokalkolorit und vor allem mit den schrulligen Freunden und Kollegen von Richard Jury: Wiggins, Melrose Plant, Tante Agathe, Trueblood, Diane und der Atmosphäre des »Jack and Hammer«? Sie kommen zwar wieder vor. Aber von liebevoll kann keine Rede mehr sein. Sie treten eher pflichtschuldig auf und verschwinden mehr oder minder schnell wieder, wirken lustlos, uninspiriert und der Autorin lästig.
Kurz, der gesamte Charme und die Qualität der ersten Jury Romane sind verflogen. All die schönen Toten ist ein routiniert geschriebener Krimi, ohne sonderliche Überraschungen, ohne speziellen Flair oder Lokalkolorit. Käme er aus der Feder eines unbekannten Autors oder einer unbekannten Autorin, hätte der Verlag ihn wohl – verständlich und mit Recht – abgelehnt. Letztlich werden sich wahrscheinlich nur zwei Gruppen wirklich über diesen Krimi freuen: die eingefleischten Jury-Fans und Anhänger »klassischer« Krimis, denen es schon reicht, wenn dieser in der englischen Who-Done-It-Tradition steht.
Und allen Jung-Autoren, die verzweifelt fragen, warum so etwas veröffentlich wird, kann man zumindest eines mit auf den Weg geben: 1981, als der erste Jury-Krimi erschien, als Martha Grimes mit Schreiben begann, waren ihre Romane gut, wirklich gut. Ihre Fans hoffen ja bereits auf ihr nächstes Werk – und wohl auch darauf, dass Jury endlich wieder besser wird. Seien wir optimistisch und rufen Ihnen zu: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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