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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 07:40

John Updike: Die Tränen meines Vaters

28.02.2011

Die Spülmaschine und das Liebesspiel

Die Tränen meines Vaters – nachgelassene Erzählungen von John Updike. Vorgestellt von PETER MOHR

 

Zwei Jahre nach dem Tod des bedeutenden amerikanischen Erzählers John Updike sind nun 18 nachgelassene Erzählungen erschienen, die im Band chronologisch (nach dem Entstehungsdatum) angeordnet sind. »Ich habe mein eigenes Leben und meine eigenen, begrenzten Erfahrungen ziemlich oft in meinen Büchern verwendet«, hatte John Updike 2002 in einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt erklärt.

 

Sein Aufwachsen im muffigen Provinznest Shillington (Pennsylvania), die eigene kummervolle Familie mit der dominanten Mutter und dem bemitleidenswerten Vater in seiner kläglichen Lehrerrolle, aber auch die Standardthemen seiner Romane finden sich in diesem Band wieder: Eifersucht, Ehebruch, Doppelmoral und (häufig unterdrückte) sexuelle Begierden.

 

»Erinnerung zu lieben«

»Es ist leicht, Menschen in der Erinnerung zu lieben; schwierig ist es, sie zu lieben, wenn sie da sind, vor deinen Augen«, lässt Updike einer seiner Figuren befinden – durchaus charakteristisch für den gesamten Band.

 

Trotz der offenkundigen thematischen Parallelen sind diese Geschichten ganz anders als ihre Vorgängerwerke. Sie sind geschrieben von einem John Updike, der durch das Alter und den nahen Tod gezeichnet ist. Voll Wehmut blickt er besänftigend zurück und rekonstruiert Gedanken und Gefühle junger Menschen. Durch diese 18 Erzählungen weht der Atem seines letzten Romans Die Witwen von Eastwick, in dem auch unendlich viel vom körperlichen Verfall die Rede war und in Erinnerungen an die aufregende Jugend geschwelgt wurde. Der Wunsch nach Versöhnung, nach Harmonie, nach einem inneren Frieden in den letzten Lebenstagen prägt das Denken der Figuren in Updikes Spätwerk. Ihre Lebensbilanzen fallen geradezu ernüchternd aus, sie sind zumeist Angehörige des kläglichen amerikanischen Mittelstandes – allesamt paradigmatische Verlierer.

 

Alles oder Nichts

Da ist Craig, der von seinem Sohn erfährt, dass sich die Nachbarn scheiden lassen werden. Er lässt seinen Spross darüber im Unklaren, dass er selbst als Liebhaber der Nachbarin der Auslöser dieses Schrittes ist. Die Affäre führt bei ihm zu einem schweren Magenleiden. Beziehungsprobleme und Krankheiten marschieren hier bei John Updike erstaunlich oft im Gleichschritt, ohne dass er direkte causale Zusammenhänge konstruiert.

 

Ein gewisser Merril will in fortgeschrittenem Alter seine Frau verlassen und seine kranke Geliebte pflegen. Da bittet ihn seine Frau, die Knoten in ihrer Brust zu betasten – und Merril bleibt doch. War es das schlechte Gewissen, das ihn zur gedanklichen Umkehr bewegte?

 

Morris will die durch einen Stromausfall ausgelöste Dunkelheit zu einem Seitensprung nutzen, doch plötzlich stören grelles Licht, laute Fernsehstimmen und das Gepolter der Spülmaschine das Liebesspiel. Der Strom ist wieder da – »rien ne vas plus«.

 

In den vorliegenden Erzählungen dreht sich ganz viel um Schmerz, Abschied und Alter, doch trotz des melancholischen Grundtenors gelingen John Updike hier auch noch einmal herzerfrischend tragikomische Szenen, die den Leser zwischen Tränen der Rührung und heftigen Lachsalven pendeln lassen.

 

Wenn man dann allerdings den letzten Satz des Bandes erreicht hat, stellt sich eine gehörige Portion Wehmut über den Verlust eines großen Erzählers ein, der sein bevorstehendes Ende literarisch vorwegnahm: »Wenn ich die Gedanken dieses sonderbaren alten Kerls richtig lese, bringt er gerade einen Toast auf die sichtbare Welt aus, sein bevorstehendes Verschwinden aus ihr sei verdammt.«

 

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