Nie unnötig aufgebläht
Petruschewskajas kurze Schauergeschichten sind Textskelette, mager an Adjektiven, die Details brüchig und bruchstückhaft. Ihre parataktischen Schriften handeln das Elend und den Wahnsinn ab wie militärische Berichterstatter. Dabei wirkt die sich nie offenbarende, nüchtern referierende Erzählerfigur oft ein wenig gehetzt, so, als müsse alles noch schnell vor dem Leser ausgebreitet werden, bevor die Protagonisten das Zeitliche segnet – so, als müsse sie gegen den drohenden Tod anreden.
Wie bei Stephen King wuchert bei Petruschewskaja der Horror aus dem Alltäglichen, Vertrauten – nur, dass dem westlichen Leser die Vorstädte von Kings Novellen und Romanen eben vertrauter scheinen als die Moskauer Wohnghettos oder das ländliche Russland. Aufgrund der lediglich skizzierten Handlungsträger und der Art und Weise, wie ihre Sätze nach vorn schreiten, fühlt man sich eventuell auch ein Stück weit an H.P. Lovecraft erinnert. Doch im Gegensatz zu diesen westlichen Kollegen verzichtet die Schriftstellerin auf seitenlanges Psychologisieren und sich langsam anbahnenden Wahnsinn – bei ihr ist er längst da. Ihr genügen wenige Sätze, um das Dunkle, Morbide aus den durch Krieg und Entbehrung gezeichneten Seelen der Protagonisten treten zu lassen.
Die Petruschewskaja als Horrorautorin zu bezeichnen wäre allerdings genauso falsch, wie sie dem Science Fiction- oder Fantasyfach zuzuordnen, denn auch, wenn bei ihr die Grenzen zwischen Albtraum und Realität ständig verschwimmen, ist ihre Prosa fest in der Wirklichkeit verankert.
Drei der insgesamt 17 Texte, die der Berliner Taschenbuch Verlag in Es war einmal eine Frau, die ihren Mann nicht sonderlich liebte, kompiliert hat, liegen erstmals in deutscher Sprache vor. Darunter findet sich auch einer der stärksten, nämlich »Da ist jemand in der Wohnung«. Aber auch die Erzählungen, die man nicht zu seinen Favoriten zählen möchte, wissen zu fesseln, weswegen man, sobald man sich den Band vorknöpft, immer noch eine der Schauergeschichten mehr lesen möchte.
