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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 07:48

Kestutis Kasparavicius: Das verschwundene Bild

04.04.2011

Eine feine Gesellschaft

Der Arzt und der Anwalt, der Kunstkenner und ein Philosoph, eine Gräfin und sogar ein Botschafterehepaar, dazu ein Polizei-Inspektor mitsamt Geheimagenten gehören zum wichtigsten Personal dieser Geschichte. Hochangesehen scheinen sie zu sein, allerdings sind sie allesamt in Tiergestalt. Was erzählt Kestutis Kasparavicius in Das verschwundene Bild? Einen Gesellschaftsroman? Einen Krimi? Oder eine klassische Fabel? MAGALI HEISSLER hat versucht, es herauszufinden.

 

Höchst gesetzt geht es zu im Haus von Professor Adalbert, dem ehrenwerten Retriever und Kunstkenner. Heute gibt es ein kleines Fest, der Professor hat ein neues Gemälde gekauft und möchte es seinen Freunden zeigen. Natürlich haben alle die Einladung angenommen, schließlich ist das Essen im Haus Adalbert ganz besonders gut. Deswegen kommen auch einige uneingeladene Gäste, darunter Gräfin Charlotte, eine Sau, die ebenso vornehm wie gefräßig ist. Die Zufallsgäste, ein Katzenehepaar, die sich als Konsul und Gattin vorstellen, empfängt man dafür umso lieber.

 

Eingeladen war auch Inspektor Fox nicht, er kommt aus beruflichen Gründen. Es heißt, es soll etwas gestohlen werden an diesem Abend. Sicherheitshalber hat er seinen Mitarbeiter, den Maulwurf Ulf, mitgebracht. Professor Adalbert ist großzügig: ob eingeladen oder nicht, ob groß oder klein, in seinem gepflegten Haus sind alle willkommen. Hase Silvester, der hauseigene Lakai in Livree, serviert das wunderbare Essen. Gerade sind alle glücklich am Schmausen, als die schreckliche Entdeckung gemacht wird. Das neue Gemälde ist verschwunden! Inspektor Fox macht sich an die Arbeit.

 

Schwer verdauliche Mischung

Dieses reich bebilderte Kinderbuch kommt niedlich daher. Auch die Handlung ist niedlich. Seine Aussage, die Zielrichtung und die gewählten Mittel der Darstellung erweisen sich beim näheren Hinsehen aber als widersprüchlich.

 

Die auftretenden Personen sind der traditionellen Fabel entnommen, die Tierfiguren zeigen überkommene Charaktereigenschaften. Der Anwalt, ein Enterich, schnattert zuviel, der Inspektor, ein Fuchs, ist schlau, die Gräfin, eine Sau, verfressen, die Papageiendame oberflächlich, die Hunde sind treu und die Katzen nicht vertrauenswürdig. In einem Kinderbuch nach der zweiten Jahrtausendwende muss sich das den Einwand gefallen lassen, ob man hier nicht Vorurteile verbreitet, auf die gerade Kinder verzichten können. Kasparavicius begegnet dem Einwand mit einer großen Portion Ironie, die den ganzen Text durchzieht. Das mag als Gesellschaftskritik durchgehen, verhindert aber den Eindruck einer grundsätzlich oberflächlichen Darstellung von menschlichen Verhaltensweisen nicht. Auch ist Ironie ein Stilmittel, für das Kinder eine gewisse Erfahrung mit Erzählungen brauchen. Ältere Kinder sind in dieser geradlinig und streckenweise ans Betuliche grenzenden Geschichte aber leicht unterfordert.

 

Der Kriminalfall wiederum ist spannend erzählt, seine Auflösung enthält kindgerechte Überraschungsmomente, die Lösung des eigentlichen Konflikts ist dann aber mindestens so süß wie die Erdbeertorte, von der die Gäste nicht genug bekommen können.

 

Harmonie statt Kunst

Illustriert ist die Geschichte wunderschön und großzügig. Die Linien sind harmonisch geschwungen, die Farben zart. Sanfte Rosa- und Brauntöne herrschen vor, alles scheint von blassgoldenem Licht beleuchtet, sei es von der Sonne, sei es von Kerzenschein. Die Liebe zum Detail ist nicht zu übersehen, die Handlung wird nicht nur bildlich dargestellt, sondern ausgeschmückt und ergänzt. Hier wird zum lustvollen Hinsehen eingeladen. Der stark ironische Witz des Texts findet sich seltener, er wird eher gemütlich aufgelöst. Noch auf dem Höhepunkt der Aufregung strahlen die Illustrationen Beruhigung aus. Behaglichkeit herrscht, die Tiere scheinen allesamt aus dem Regal für Kuscheltiere zu stammen.

 

Das überrascht gerade dann, wenn man mit dem Schlusswort über den Grund informiert wird, aus dem das Buch entstand. Es begann in der Kunst. Das Gemälde Hund an der Kette des niederländischen Malers Paulus Potter ist eben das Bild, das Professor Adalbert seinen Gästen vorführen möchte. Dass dieses auf den ersten Blick so schlichte und über 350 Jahre alte Tierporträt eine dunkle und beunruhigende Seite hat, entgeht dem Autor nicht. Er nimmt dem Ganzen aber jeden Stachel, indem er die Problematik, von der Kette bis hin zu dem Umstand, dass der Maler seinen eigenen Namen so prominent an die Frontseite der Hundehütte geschrieben hat, dass man sich fragt, wer hier eigentlich der Hund ist, bereits in seiner Geschichte zuckersüß auflöst oder einfach übergeht. Die Aufforderung zur Betrachtung des Originalgemäldes, um sich z.B. am höchst naturalistisch wiedergegebenen flauschigen Fell des Kettenhunds zu erfreuen, ist in diesem Zusammenhang dann ungewollte böse Ironie.

 

Das alles verstärkt nur den Eindruck, dass es sich um eine sehr freundlich angelegte, sehr putzig ausgemalte und betont schöngefärbte Geschichte handelt, die leider nicht durchdacht wurde.

 

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