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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 07:48

Janne Teller: Krieg. Stell dir vor, er wäre hier

11.04.2011

Im Reich der Fantasie

Wo die Fantasie herrscht, ist das Unmögliche möglich. Dort gibt es Einhörner und Drachen, dort liegt das Schlaraffenland, in dem alle immer satt werden, und das Land des ewigen Friedens, wo einem nicht einmal ein Steinchen in den Schuh gerät. In seinen hellsten Landstrichen findet man die Insel Utopia und ihre Ableger. In dunkleren Gegenden gibt es allerdings Landschaften, deren erdachte Gegebenheiten nur Verwirrung stiften. Wie bei Janne Teller: Krieg. Stell dir vor, er wäre hier. Von MAGALI HEISSLER.

 

Die EU ist zusammengebrochen, Deutschland ist von Franzosen, Griechen und Spaniern besetzt. Es herrscht Krieg und anschließend eine Art nationalistischer Diktatur, die französisch geprägt ist. Wer fliehen kann, flieht; aber selbst die letztlich erreichte unbefristete Aufenthaltserlaubnis in einem anderen Land kann den Verlust der Heimat und des früheren Lebens niemals ersetzen. Dieses Szenario bietet Teller mit ihrem Gedankenspiel. Zu seiner Entstehungszeit 2000/2001 war es auf Dänemark und die dortige öffentliche Diskussion über die Einwanderungsbestimmungen zugeschnitten. Nach eigenem Bekunden ging es der Autorin darum, Menschen in die Lage von Flüchtlingen zu versetzen, um diese besser zu verstehen. So holte sie den Krieg und seine Folgen ins eigene Land. Das vorliegende Büchlein ist der Versuch, die Geschichte auf ein anderes Land, hier Deutschland, zu übertragen, um auch anderen das Mitfühlen zu ermöglichen.

 

In den Schluchten der Ahnungslosigkeit

Gut beraten war Teller bei der Wahl ihres Szenarios für die Bundesrepublik Deutschland nicht. Die Nennung von Griechen und Franzosen ist im Kontext aktueller Politik im besten Fall taktlos, schlimmstenfalls populistisch und, historisch gesehen, revanchistisch. Dass sich unter den Soldaten, die die Autorin in Deutschland herumschießen lässt, ehemalige Immigranten sind, die in ihren Worten im Kriegsfall zu Nationalisten werden und sich gegen das Einwanderungsland wenden, ist ein Missgriff beträchtlichen Ausmaßes.

 

Die Bedrückungen, denen die Flüchtlingsfamilie, an deren Beispiel dieser platte Laborversuch durchexerziert wird, ausgesetzt ist, sind dem realen Leben entnommen, aber undurchdacht eingesetzt und vor allem formuliert. Ein Familienmitglied schließt sich der »Milizia« an, ein negativ konnotierter Begriff für etwas, das doch eigentlich positiv sein müsste, denn es handelt sich nicht etwa um die Polizeikräfte der Diktatur, sondern um die Widerstandsbewegung. Aber Positives ist von vornherein ausgeschlossen.

 

Als Aufnahmeland für die Flüchtlinge fiel der Autorin Ägypten ein. Es wird als Land voller Rechtgläubiger bezeichnet, in dem auf die Tugend der Frauen geachtet wird. Kaum ist die Flüchtlingsfamilie einigermaßen auf die Füße gekommen, gibt es Probleme, weil die Tochter in Schule Sexualkundeunterricht und Information über Verhütungsmittel fordert. Abgesehen von der Absurdität der Situation, erweist sich vor allem Teller als aufklärungsbedürftig. Ägypten verfügt seit Jahrzehnten über ein modernes staatliches Schulsystem. Sexualkunde gehört in der Mittelstufe zum Lehrplan. In der vorliegenden Version des Essays wird insgesamt grobschlächtig mit Vorurteilen über den Islam gearbeitet.

 

Zusammenhänge, die über lineare Reihungen von nach eigenem Gutdünken ausgewählten Einzelfaktoren hinausführen, sind nicht Sache der Autorin. Bei einer Art Essay, wie dem vorliegenden Text, ist das schon im Ansatz verkehrt.

 

Wie verkehrt zeigt der Schluss. Die Einwanderer der ersten Generation werden sich im Aufnahmeland niemals zuhause fühlen. In einem Interview im Deutschlandradio am 22. März 2011 bringt Teller es auf den mundgerechten Punkt: Integration ist eine Fiktion. Die Boulevardpresse hat es schon immer gewusst.

 

Die Gesetze der Physik - und der Politik

»Den Spieß umdrehen« wollte Teller, die sich, mit einer österreichischen Mutter und einem deutschen Großvater in Dänemark aufgewachsen, publikumswirksam eine Einwandererbiografie gibt. Die Menschen, die in Sicherheit aufgewachsen sind, fühlen lassen, was es heißt, fliehen zu müssen. Darauf geht sie auch im Nachwort ein. Um es kurz zu machen: das Nachwort liest sich ebenso kraus wie das zusammenfantasierte Szenario.

 

Dabei geht die Autorin in ihrem Essay nicht ungeschickt vor. Sie spricht ein fiktives, 14jähriges männliches »Du« an. »Stell dir vor...« beginnt sie und malt ihre sorgsam ausgewählten Schrecknisse aus. Das Ganze hat eine gewisse hypnotische Wirkung, gerade auf Jugendliche, die sich wenig mit politischen Gegebenheiten auskennen. Es wird an das Fühlen appelliert, aber Gefühle können solides Wissen niemals ersetzen. Das Wissen, politisch, wirtschaftlich, juristisch, ist vorhanden, es muss nur erworben werden, erarbeitet. Es kann nicht erfühlt werden. Auch Menschenrechte können nicht erfühlt werden. Man muss verstehen, warum sie wichtig sind. Warum es sich um »Rechte« handelt und nicht um zwischenmenschliche Freundlichkeitsbezeigungen.

 

Was Teller tatsächlich tut, ist keineswegs »den Spieß umdrehen«. Es gibt keinen Spieß bei diesem Thema. Was in solchen Fällen geschieht, folgt dem klassischen Gesetz von Ursache und Wirkung. Es hat klar benennbare Ursachen, dass Menschen aus armen Ländern in andere Länder wandern oder auch fliehen, vorzugsweise in reichere. Ebenso, wie es Gründe hat, warum die einen arm sind und die anderen reich. Teller übergeht das vollkommen. Für sie gibt es nicht Täter und Opfer, es gibt keine ökonomischen und politischen Zusammenhänge. Sie stellt um des Gefühls willen die Welt auf den Kopf, blendet Tun und Reaktion aus. Sie vertauscht Ursachen und Wirkung. Das ist keine Philosophie, das ist Fahrlässigkeit.

 

Die Wirkung auf Jugendliche wird vor allem eine lähmende sein. Das Buch strahlt Bedrückung und Hilflosigkeit aus und fordert überdies zum Selbstmitleid auf, ein wichtiges »Argument« ist der Verlust des sehr hoch angesetzten persönlichen sozialen und ökonomischen Status der Beispielfamilie. Was für eine Falle.

 

Jugendliche sind nicht gut beraten mit diesem Buch, so attraktiv es auch als kleiner Reisepass aufgemacht daherkommt. Tatsächlich ist die Auseinandersetzung damit ein Verlust von Zeit, die sie brauchen, um sich kundig zu machen, damit sie mitwirken können bei der Gestaltung der realen Welt.

 

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