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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 07:48

Helmut Krausser: Die letzten schönen Tage

28.03.2011

»Wenn man jemanden liebt, dann ist doch alles möglich, oder nicht?«

Diese Sequenz aus seinem neuen Roman Die letzten schönen Tage klingt gleichermaßen abgründig wie banal und ist dadurch schon beinahe typisch für den Autor Helmut Krausser. Meint PETER MOHR

 

Krausser legt mit gerade einmal 46 Jahren nun schon seinen zwölften Roman vor. Darüber hinaus veröffentlichte er auch äußerst fleißig Erzählungen, Gedichte, Tagebücher, Opernlibretti, Hörspiele und Theaterstücke. Zwei seiner Romane (Fette Welt mit Jürgen Vogel und Der große Bagarozy mit Til Schweiger in den Hauptrollen) sind sogar ansprechend verfilmt worden, dennoch wird der in Eßlingen geborene Autor in der Literaturszene immer noch lediglich als Geheimtipp gehandelt.

 

Wahrscheinlich liegt dies an Kraussers ständigem Pendeln zwischen hohem künstlerischen Anspruch und klischeehaften Vereinfachungen. »In Wahrheit bin ich absolut größenwahnsinnig. Ich wollte immer der beste Schriftsteller überhaupt werden. Als ich es dann geschafft hatte, war es gleich langweilig«, hatte Krausser vor einiger Zeit in einem Interview bekannt.

 

Um Größenwahn und dessen Auswüchse, um vorgetäuschten oder echten Geniehabitus in all seinen Facetten geht es (nicht zum ersten Mal bei Krausser) im neuen Roman, in dessen Mittelpunkt eine leicht diffuse Dreierbeziehung steht. Serge Hanowski ist Anfang dreißig, ein introvertierter und äußerst skeptischer Zeitgenosse, der seinen Lebensunterhalt als Werbetexter für Frauenstrümpfe verdient und mit Gott und der Welt hadert. Gleichzeitig bezeichnet er sich aber auch als »Dichter mit goldenem Boden.«

 

Im Bett mit seiner Freundin Kati, einer aufgeschlossenen, jungen Frau ohne Macken und Marotten, klappt es nicht nach Wunsch. Der Fotograf David ist beinahe das genaue Gegenteil von Serge – selbstbewusst, lebensfroh und charmant. Kein Wunder, dass Kati das Lager wechselt und sich mit David vergnügt. Für  Serge Auslöser gefährlicher psychischer Turbulenzen, er vermutet überall Symbole aus fremden Sphären, leidet unter ausgeprägtem Verfolgungswahn und landet schließlich zwischendurch in einer Klinik. Wahn und Wirklichkeit mischen sich in Serges Wahrnehmungen, (»Was ist schon Wahrheit? Ein Gefühl, das vorübergeht.»), zudem lähmt ihn eine Kreativitätsblockade.

 

Helmut Krausser erzählt die Kapitel alternierend aus der Perspektive der unterschiedlichen Figuren, auch die Handlungsorte wechseln zwischen Berlin, Malta und Torronto. Durch die Malta-Episode verleiht Krausser dieser vordergründig kopflastigen Geschichte sogar ungewohnte Spannungselemente. Serge will sich mit Kati bei deren Freunden auf der Mittelmeerinsel erholen, entlarvt aber kriminelle Aktivitäten der Gastgeber, die als Online-Pokerspieler im großen Stil betrügen. »In unserem Zimmer standen zwei Männer mit Skimasken, einer von beiden schwang einen Baseballschläger über unseren Köpfen. Ich nahm das für einen Traum, nicht ernst. Erst als Kati schrie und sich an mich klammerte, dachte ich um.«

 

Bei Helmut Krausser – und das macht fraglos den Reiz seiner Bücher aus – muss man auf einiges gefasst sein. Er schickt den Leser binnen weniger Seiten durch Himmel und Hölle und hat diesmal sogar ein versöhnliches Ende parat. Kati entscheidet sich (wie soll hier nicht verraten werden), einer der Männer bleibt zurück und resümiert: »Man muß nicht alles noch schlimmer machen, als es ohnehin ist. Manchmal muss man auch still sein. Und leiden.«

 

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