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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 07:49

Philippe Dijan: Die Leichtfertigen

11.04.2011

Die Kraft des Alters

Seit 25 Jahren wird alles, was er schreibt und veröffentlicht, an einem Buch gemessen: Betty Blue. So natürlich auch sein neuestes Werk Die Leichtfertigen. Es erreicht zwar nicht die Kraft und Intensität von Betty Blue, ist aber durchaus eine altersgerechte Fortsetzung, die den Leser in ihren Bann zieht. Gelesen von JÖRG ESCHENFELDER

 

Im Mittelpunkt steht Francis, ein 60-jähriger Schriftsteller. Beruflich ist er erfolgreich, wenn auch schon lange nicht mehr produktiv. Privat sieht er gerade, wie das Porzellan seines Lebens zu Boden fällt: Seine Frau und eine seiner Töchter sind vor Jahren vor seinen Augen im Auto verbrannt. Die Ehe mit seiner zweiten Frau Judith ist in den letzten Zügen. Seine zweite Tochter Alice ist zwar dem Drogensumpf entronnen, inzwischen verheiratet, Mutter und als Schauspielerin erfolgreich, doch plötzlich ist sie über Nacht – mal wieder – verschwunden. Entführt? Eine Affäre? Erneut im Drogensumpf versunken? Alice bleibt über Wochen und Monate verschwunden. Francis ist verzweifelt. Und am Ende ist alles nur ein Publicity-Gag der Tochter.

 

Das Porzellan zerschellt auf dem Boden. Francis bricht die Beziehung zu Alice ab. Seine zweite Ehe ist endgültig gescheitert. Eine alte Freundin stirbt an Krebs und hinterlässt Francis ihren Sohn – eine verzweifelte, gescheiterte, wütende Existenz mit einer Vergangenheit als Tankstellenräuber. Und was macht der Schriftsteller, der alles analytisch genau erkennt? Er schreibt nach Jahren wieder seinen ersten Roman, flüchtet sich vor der Realität in die Literatur.

 

Dijans Rezeptur

Drogen, Liebesaffären, Verkehrsunfälle, Streit, Tod, Sex und Verzweiflung, das sind die Zutaten für Die Leichtfertigen, die Philippe Djian zu einem gut zu lesenden Roman vermengt. Der Stil ist lakonisch. Die Geschichte wird nüchtern erzählt und ist geschickt konstruiert. Mit vielen Zeitsprüngen und Rückblenden, aber doch so kunstvoll, dass sie nicht stören, geschickt die Spannung erhöht und immer ein leichtes Gefühl der Unsicherheit belassen.

 

Alles in allem ein Buch, das man in einem Zug verschlingen möchte. Djian erzählt die Geschichte aus der Sicht von Francis. Francis schildert sein Leben und seine Gefühle mit einer intellektuellen Distanz, blickt auf sich selber wie durch eine Scheibe, beschreibt, was mit ihm geschieht, wie er agiert, aber doch unfähig ist, den Lauf der Dinge zu beeinflussen beziehungsweise es ernsthaft zu versuchen.

25 Jahre nach Betty Blue ist Djian eine »altersweise« Fortsetzung gelungen. Die Leichtfertigen ist nicht so radikal, nicht so selbstzerstörerisch, nicht so kompromisslos, nicht so gnadenlos im Tempo. Aber doch wieder ein irrwitziger Strudel – nur eben mit dem Auge des Alters abgemildert, wenn schon nicht abgeklärter. Francis kann nicht aus seiner Haut. Er sieht, was falsch läuft. Er liebt und leidet, findet dafür aber im Leben keine Worte, keinen Ausweg. Er bleibt lieber wortlos und steuert sehenden Auges auf den Schmerz zu.

Philippe Djian schmeißt seinen Protagonisten in eine trostlose, tödliche Gemengelage, an der man verzweifeln könnte. Dass dies nicht geschieht, liegt an dem Helden, der am Ende eben doch zum Nachgeben bereit ist, der auch mit den kleinen Dingen und positiven Anzeichen zufrieden ist. Francis ist bereit, die Scherben seines Lebens aufzuheben und sie behutsam und geduldig wieder zusammenzufügen: »Es geht nichts über ein Ende, das ein wenig Hoffnung weckt. Es geht nichts über ein Ende, das das andere Ufer des Romans in unverdient sanftes Licht taucht.«

 

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