Paradoxien und Zoten
Nachdenklich gibt sich Feuchtwanger den Erinnerungen hin. An das erste Treffen mit dem ehrgeizigen, aufbrausenden Brecht, an die langen Jahre gemeinsamer Arbeiten und Projekte, an des Freundes »schrille Stimme, seine Paradoxien und Zoten, seine produktive Unlogik, seine entwendeten Ideen, seine Gerissenheit, seine bayrische Hinterfotzigkeit.« Frühere Begegnungen scheinen auf, gemeinsame Unternehmungen, Lesungen und Besuche im Exilantenkreis (mit der sturzbetrunkenen Nelly Mann, dem genialen Laughton, der spitzzüngigen Alma Mahler-Werfel).
Während sich Feuchtwanger durch den heißen Tag kämpft, sich gemäß Martas hinterlassenen Notizzetteln ernährt (zum Frühstück Obstsalat und Orangensaft, zum Mittagessen Deftiges), mal vor einem Stinktier flieht, mal die Schildkröten füttert, lässt er gedanklich nicht nur Brechts Leben, sondern auch sein eigenes Revue passieren: die Traumata seiner Kindheit, die Zurückweisung durch den Vater, die harte Zeit im französischen Internierungslager, die abenteuerliche Flucht, die gesundheitlichen Probleme, den Kauf der Villa und den Aufbau seiner 30.000 Bände umfassenden Privatbibliothek.
Obwohl Sunset ausdrücklich als Werk der Fiktion betrachtet werden soll, ist es von einem profunden Feuchtwanger-Kenner verfasst – und das spürt man mit jedem Satz. Klaus Modick hat bereits über den jüdischen Schriftsteller promoviert (Lion Feuchtwanger im Kontext der zwanziger Jahre: Autonomie und Sachlichkeit) und konnte 2009 als Stipendiat in den Genius Loci der »Villa Aurora« eintauchen, die nach Marta Feuchtwangers Tod als Künstlerresidenz und Kulturzentrum dient. Modicks leichtfüßig-elegantes Porträt bietet tiefere Einblicke, erzählt hintergründigere Episoden als manche Biographie.
