Platzpatronen
Doch Zoïle, der verhinderte Literat, der aufgrund kurioser Umstände in einem Energieversorgungsunternehmen gestrandet ist, wittert bei seinen Klientinnen einen Fall von Wesensverwandtschaft. Wurde nicht eine der beiden Frauen als Schriftstellerin geführt? Doch nicht die adrette Astrolabe entpuppt sich als Verfasserin des befremdlichen Romans Platzpatronen, sondern die grunzende, schnaubende, schwachsinnige Aliénor. Zoïle ist entsetzt. Und eine verzweifelte Amour fou nimmt ihren Lauf.
Amélie Nothomb – gleichermaßen Enfant terrible und Fräuleinwunder der französischsprachigen Literatur – hat wieder zugeschlagen. Bislang hat die in Kobe geborene Diplomatentochter erfolgreich ihre Jugend in exotischen Ländern, ihre Lehr- und Wanderjahre in Fernost und ihre exzentrischen Phantasien verarbeitet. Im Jahrestakt wirft die hochproduktive Autorin neue Werke auf den Markt, auch wenn es oftmals nur schmale, magere Bändchen sind, die den Gattungsbegriff Roman kaum verdienen. Die Winterreise bemüht sich zwar angestrengt um Anleihen an Schubert (»Sich im Winter zu verlieben ist keine gute Idee. Die Symptome sind grandioser und schmerzhafter.«), letztendlich kreist dieses groteske Dramolett jedoch nur wieder versteckt um die Autorin selbst.
Dem Energieberater wird eine frühe Anorexie angedichtet, an der Nothomb in ihrer eigenen Jugend litt; das ungleiche Frauenpaar Astrolabe und Aliénor steht für den Zwiespalt zwischen verrückter Egozentrik und eiskalter Abwehr. »Übrigens fand ich es sympathisch, dass kein Foto der Autorin auf dem Umschlag war…«, gesteht Zoïle – während sich gerade zahlreiche Nothomb`schen Werke durch ein Konterfei der Verfasserin auf dem Buchcover auszeichnen.