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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 07:54

Lauren Oliver: Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie

04.04.2011

Sterben für Fortgeschrittene in sieben Schritten

Die junge New Yorker Autorin Lauren Oliver hat es mit ihrem Debütroman auf Anhieb auf die diesjährige Nominierungsliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis geschafft, ausgerechnet mit einem Buch über das wiederholte Leben und Sterben eines jungen Mädchens. Und das mit Recht, findet BEATE MAINKA.

 

Valentinstag an einer ganz normalen amerikanischen High School in der Provinz: Samantha, genannt Sam, und ihre drei besten Freundinnen laufen gestylt bis ins letzte Detail in der Schule auf, schließlich sind sie die angesagtesten Mädels dort. Wer sich ihnen in den Weg stellt, wird niedergemacht, wer ihren Vorstellungen nicht entspricht, hat nichts zu lachen, da sind die Vier gnadenlos. Doch auf einer abendlichen Party läuft einiges nicht wie geplant und die Mädchen rasen auf dem Heimweg vor einen Baum. Samantha stirbt – und wacht am nächsten Morgen in ihrem Bett auf, am Valentinstag, dem letzten ihres Lebens. Und erhält sieben sich wiederholende Valentinstage lang die Chance, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben, doch – und das ist das Wesentliche dabei – nicht nur ihrem eigenen.

 

Zeitschleife

Nun gut, so ganz neu ist die Idee nicht, das Murmeltier lässt grüßen. Was soll sich bei einer oberflächlichen High School-Zicke schon innerhalb von sieben Tagen ändern, zumal es immer derselbe Tag ist, der sich wiederholt? Oliver fesselt durch die Nähe zu ihrer Protagonistin, die ganz allmählich zu begreifen beginnt, warum sie in dieser scheinbar unendlichen Zeitschleife gefangen ist. Nach und nach beginnt sie, verschiedene Baustellen ihres vermeintlich so perfekt optimierten Lebens abzuarbeiten.

 

Da ist ihre Beziehung zu Rob, mit dem sie ihre erste Nacht verbringen möchte, sich aber zunehmend unsicher wird, ob er das wert ist. Da ist der angebetete Mathelehrer, der von Tag zu Tag mehr seinen Zauber verliert. Da ist Kent, der Freund aus Kindertagen, der nun leider nicht mehr zu den Angesagten zählt und ignoriert werden muss, obwohl Sam ihn zunehmend attraktiv findet. Juliet Sykes, das verhasste, von der Clique gemobbte Mädchen, das auf der Fete grausam erniedrigt wird, entpuppt sich als Auslöser des Unfalls und rückt zunehmend in Sams Bewusstsein. Ihre Familie erscheint plötzlich in einem neuen Licht, insbesondere die kleine Schwester. Und nicht zuletzt muss sie die Freundschaft zu den Mädchen neu überdenken, denen sie sich so perfekt angepasst hat.

 

Das alles geht ganz allmählich vonstatten, jeden Tag ein kleines bisschen mehr, bis Sam ganz am Ende begreift, warum sie das alles immer wieder durchleben muss. Sie bekommt die unglaubliche Chance, ihr Leben rückwärtig zu ändern, zum Positiven. Und genau darin liegt das Anrührende dieses Buches, in dem sich viele junge Mädchen wiederfinden werden, sei es als Täter oder als Opfer. Letztlich geht es darum, wie man mit seinem Umfeld umgeht, wo man austeilt, wo man unaufmerksam ist, wo man sich zu Handlungen mitreißen lässt, ohne wirklich dahinter zu stehen. 

 

Gegen den Strom schwimmen

Genau das lernt Sam in diesen verrückten Tagen, sie wird autarker, entwickelt Zivilcourage, lässt sich nicht mehr mitreißen, beginnt nachzudenken, bevor sie handelt. Und bietet damit ein beachtenswertes Leitbild für eine Generation Mädchen, die eigentlich immer gerne zu den Angesagten gehören möchten, dafür aber oftmals einen hohen Preis zahlen, auch wider ihr eigenes Gewissen. Olivers große Stärke ist ihre scharfe und einfühlsame Beobachtungsgabe, sie macht begreiflich, wie Mobbing entsteht, welchen sozialen Zwängen junge Menschen durch die Gruppe oft unterliegen und wie schwer es ist, da herauszukommen. Und sie richtet nicht, sie legt nur ihren Finger in die Wunden. Sam zeigt ihren Lesern, wie so etwas glücken kann, auch wenn sie selbst dafür einen hohen Preis zahlt. Sie hat am Ende ihr Haus bestellt, zum Besseren!

 

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