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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 07:54

Richard Wagner: Belüge mich

25.04.2011

Korruption, Lüge, Mord

Die Zeiten und die politischen Systeme haben sich in Rumänien geändert, nicht aber die Verhaltensmuster vieler Menschen. Lügen und Denunziationen prägten damals wie heute den Alltag und scheinen sich über Generationen hinweg vererbt zu haben. Mit dieser gefährlichen Mischung aus Egoismus und Opportunismus beschäftigt sich Richard Wagners neuer Roman Belüge mich. Gelesen von PETER MOHR

 

Der 59-jährige Autor und Ex-Ehemann von Nobelpreisträgerin Herta Müller weiß, worüber er schreibt. Er ist selbst im Banat, in der deutschsprachigen Enklave Rumäniens aufgewachsen und als junger unangepasster Lyriker schnell ins Visier von Ceaucescus Regime geraten. In den 80er Jahren siedelte Wagner mit Herta Müller nach West-Berlin über und stieß mit seinen autobiografischen Erzählwerken Ausreiseantrag (1988) und Begrüßungsgeld (1989) auf ein nachhaltiges Echo.

 

Junge Generation und Vergangenheit

Eine der Hauptfiguren des Romans, die junge Kulturjournalistin Sandra Horn aus München, geht den umgekehrten Weg. Sie soll in Bukarest eine moderne Frauenzeitschrift (»Magazin für die urbane rumänische Frau«) aufbauen. Da sie als Teenager einst mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen war, bedeutet die neue Lebensstation für Sandra auch eine Reise in die eigene Familien-Vergangenheit.

 

Mit Marcel Toma trifft sie auf einen Vertreter der erfolgreichen jungen Generation. Der verheiratete, vermögende Wirtschaftsanwalt, der durch Immobilienspekulationen zu ansehnlichem Reichtum gelangte, wird alsbald Sandras Liebhaber. Ausgerechnet Marcel, einer der Profiteure der neuen rumänischen Verhältnisse, schärft Sandras Blick auf die Vergangenheit: »Wir sind die Enkel all dieser Schurken und Schufte, Feiglinge und Schlitzohren, Schlaumeier und Marx-Kenner, all dieser Opfer und Semi-Opfer, Täter und Semi-Täter.«

 

Tatsächlich stößt die Journalistin auf viele dunkle Flecken in ihrer Familiengeschichte. Selbst ihr Vater Paul hat – wie sich später herausstellt aus gutem Grund – im Westen noch die Geheimniskrämerei forciert: »Ich weiß nur, dass Ypsilon uns eingeschärft hat, die drei Zimmer so zu belassen, wie sie sind. Er hat es sogar testamentarisch verfügt«, erfuhr Sandra über die repräsentative Villa ihres Großvaters Ypsilon Horn.

 

Sandra tastet sich in Bukarest Schritt für Schritt durch einen Dschungel aus Korruption, Lüge und Betrug. Gestern wie heute diktiert von einer kriminellen Staats- und Wirtschaftsmacht – und mittendrin ihre eigene Familie.

 

Szene-Lokale und Securitate

Sandras Großvater Ypsilon Horn spielte offensichtlich eine nicht unwesentliche Rolle beim ungeklärten Tod der attraktiven Tango-Sängerin Lauretta Luca. Die kommunistische Femme fatale soll in den 30er-Jahren mit Hilfe von Zyankali Selbstmord begangen haben. Unter dem faschistischen General Antonescu hat sich Großvater Horn als hoher Offizier der politischen Polizei einen fragwürdigen Ruf als »Frauenquäler« erworben und war später mit fliegenden Fahnen ins stalinistische Lager gewechselt. Sandras Großonkel Victor Albu hatte als Kellner in den Szene-Lokalen Spitzeldienste geleistet und später beim Geheimdienst Securitate Karriere gemacht. »Er bereitete eine Verhaftung mit der gleichen Sorgfalt vor, mit der er seinerzeit in der Tangobar einen Tisch für zwei eindeckte«, heißt es über Albu im für Richard Wagner typischen, lakonischen Tonfall. Manchmal wirkt die Aneinanderreihung der kurzen Hauptsätze etwas monoton, doch die Handlung entwickelt ein Höchstmaß an Eigendynamik und nimmt den Leser bis zum Schluss gefangen.

 

Richard Wagner bürdet seiner Hauptfigur Sandra Horn eine schwere psychische Last auf. In ihrem Bukarester Umfeld geschieht ein Mord, und die junge Frau muss sogar noch erfahren, dass auch die Vergangenheit ihres Vaters nicht blütenrein ist. Skrupellose Anpasser, geradezu militanter Opportunismus und totalitäre Systeme prägen diese erschütternde Handlung. Nur sehr selten ist ein Romantitel so sinnstiftend wie in diesem Fall. Belüge mich klingt durchaus charakteristisch für das Gros der Handlungsfiguren.

 

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