Übervater Nicolas Born
Im Mittelpunkt dieses auf drei Zeitebenen alternierenden Erzählkonvoluts steht der jung verstorbene Dichter Peter Vahlen, der seine Hochzeit in den unruhigen Jahren der Studentenbewegung erlebte (»viel zu schade für die Revolution«) und mit seinem später fürs Fernsehen verfilmten Roman Villa Westerwald einen Riesenerfolg hatte. Selbstverständlich gibt es gewisse Parallelen zwischen der Romanfigur Vahlen und dem realen Nicolas Born, der im Alter von gerade einmal 42 Jahren an Lungenkrebs gestorben ist, zwischen dessen Ehefrau Hella und der Born-Witwe Irmgard (beide sind Ärztinnen); dennoch haben wir es hier weder mit einem Schlüsselroman noch mit irgendeiner Spielform der dokumentarischen Prosa zu tun. Fakten und Fiktion werden stattdessen bunt miteinander vermengt.
Katharina Born hangelt sich trotzdem erzählend am Leben ihres Vaters entlang und betreibt durch die Figur der Tochter Judith auch eine ganz spezielle Form der Vatersuche. Gleichzeitig bemüht sie sich andernorts aber auch akribisch um Verstellungen und Tarnungen und legt auch bewusst falsche Spuren aus. So ist die Romanhandlung weder im Ruhrgebiet noch in Berlin oder im Wendland (Borns Lebensstationen), sondern im fiktiven Westerwaldörtchen Sehlscheid angesiedelt. Inzest, Seitensprünge und Vergewaltigungen, Kränkungen, Verletzungen, Irrungen und Wirrungen vor allem der in der Handlung dominierenden Frauenfiguren lassen die Rekonstruktion der Familienstammbäume zu einem wahren kriminalistischen Puzzlespiel werden.
Auf einer detektivischen Metaebene des Romans bewegt sich schließlich der Germanist Andreas Wieland, ein junger Doktorand aus Duisburg, der sich ebenso eifrig um den Vahlen-Nachlass wie um dessen Tochter Judith bemüht. Auf dem Dachboden der Vahlen-Villa stößt er nicht nur auf einen interessanten Briefwechsel zwischen dem verstorbenen Vahlen und seinem weniger erfolgreichen Dichterkollegen Peter Gellmann, sondern auch auf mysteriöse Aufzeichnungen über einen verästelten Familienstammbaum. Das mag von Katharina Born sehr ambitioniert geplant gewesen sein, doch diesem ausufernden Figurengewimmel mangelt es sowohl an Empathie als auch an adäquater formaler Gestaltung.