Jörg Schubiger / Rotraut Susanne Berner: Als der Tod zu uns kam
18.04.2011
Kommt der nie mehr wieder?
Tod und Sterben sind für uns Erwachsene in den Medien fast alltäglich geworden. Kinder, insbesondere die kleinsten, werden mit diesem Tabuthema in der Regel nicht belastet – höchstens aus aktuellem Anlass, beim Tod eines Haustieres etwa. In diesem Frühjahr sind einige bemerkenswerte Bücher zum Thema erschienen, die BEATE MAINKA vorstellt.
Es gab einmal eine Zeit, da war der Tod noch nicht in der Welt. Die Tage flossen gleichförmig dahin, niemand musste sich Sorgen machen. Eines Tages erschien ein graugesichtiger Mann namens Tod im Dorf, der gleich stolperte. Darüber amüsierten sich die Leute so sehr, dass sie ihn nachahmten und sich dabei zum ersten Mal in ihrem Leben die Knie blutig schlugen. Das war gänzlich neu. Der Tod durfte in der Scheune übernachten, doch weil er rauchte, brannte die Scheune ab und ein kleiner Junge lag am nächsten Morgen reglos und mit offenen Augen inmitten der Trümmer. Darüber war der Tod sehr betrübt, denn er fühlte sich schuldig an den Übeln, die dem Dorf seit seiner Ankunft widerfahren waren. Doch als er weiterzog, ließ er die Menschen verändert zurück, denn er gab ihnen Gefühle wie Leid, Mitleid und Trost, aber auch Hoffnung.
Kitty Crowther findet in ihrem Buch vom kleinen Tod einen ganz ähnlichen Ansatz: Der kleine Tod, fast niedlich, einer kleinen Nonne nicht unähnlich, verrichtet sein Geschäft sehr professionell, ist aber betrübt darüber, nirgendwo willkommen zu sein. Keiner redet mit ihm. Bis er eines Tages die kleine Elisewin holen kommt, die ihn schon sehnsüchtig und voller Vorfreude erwartet hat. Der kleine Tod ist sehr verblüfft, nimmt aber die angebotene Freundschaft beglückt an. Eine Weile bleibt das Mädchen beim Tod, glücklich darüber, ihrer Krankheit und den Schmerzen entronnen zu sein. Doch sie kann nicht im Totenreich bleiben und hinterlässt einen kleinen Tod voller Abschiedsschmerz, bis sie als Engel wiederkehrt und ihn in Zukunft bei seinem Tun begleiten darf.
Dem Tod ein Gesicht geben
Beiden Bilderbüchern ist gemeinsam, dass sie in märchenhafter Form den Tod in menschlicher Gestalt darstellen und damit Kindern die Möglichkeit eröffnen, sich mit ihm ganz konkret auseinanderzusetzen. Identifikationsfiguren sind Kinder, die direkt oder indirekt betroffen sind. Schubiger/Berner gehen zunächst der spannenden Frage nach, wie eine Welt ohne Tod und Leid aussähe, was Berner zeichnerisch dadurch ausdrückt, dass in ihrer gleichförmigen Welt die Gesichter der Menschen leer und ohne Emotionen sind. Erst das Auftauchen des Todes verändert das Verhalten der Menschen, er polarisiert gewissermaßen, fügt Licht zu Schatten, Freud zu Leid, Verletzung zu Heilung, Abschied zu Neubeginn. Als er das Dorf verlässt, blicken die Menschen ihm nach und vergießen Tränen. Aus dem ereignislosen Einerlei ist ein Leben mit Höhen und Tiefen geworden und die Gesichter der Menschen haben sich geöffnet. Schubiger erzählt dies in einfachen, wohlgesetzten Worten, ohne seine kleinen Zuhörer zu überfordern, aber auch ohne Beschönigung. Und Berner illustriert dies mit ihren plakativen, fast naiv anmutenden Zeichnungen, in denen kleine Details die fast unmerklichen Veränderungen darstellen. Kinder werden diese natürlich sofort entdecken, aufmerksame Erwachsene finden hier viel Stoff für einen Einstieg in ein Gespräch.
Kitty Crowther findet einen ähnlich positiven Ansatz, um das Wirken des Todes zu veranschaulichen. Normalerweise ist der Tod höchst unwillkommen, obwohl er es doch gut meint und die Menschen gut umsorgt auf ihrem Weg ins Totenreich. Dass ausgerechnet ein kleines Mädchen ihn freundlich willkommen heißt und sogar für eine Weile bei ihm bleibt, verblüfft auch den Leser, bis er begreift, dass das Leben für die Kleine eine Last geworden ist. Zum ersten Mal erfährt der Tod Aufmerksamkeit und Freundschaft, und dass das Mädchen als Engel zu ihm zurückkehrt, um ihn in Zukunft zu begleiten, ist ein tröstliches Bild, das auch schon kleine Kinder nachvollziehen können. Wenn ein Engel den Tod begleitet, braucht man keine Angst mehr vorm Sterben zu haben.
Trost finden im Verlust
Sehr viel realistischer nähern sich Stein Erik Lunde und Øywind Torseter dem Thema in ihrem künstlerisch ambitionierten Bilderbuch an. Hier geht es um den konkreten Verlust der Mutter und die Bewältigung durch Vater und Sohn. Allein der Titel verspricht Trost und das Thema wird sprachlich wunderbar einfühlsam umgesetzt, erzählt aus kindlicher Sicht. Beide leiden, aber die gegenseitige Nähe und Wärme hilft ein wenig. Vater und Sohn finden Symbole für den Verlust, die roten Vögel, die im Schnee die Brotkrumen wegholen, als Seelen der Verstorbenen, die Sternschnuppe, die einen Wunsch erfüllen soll. Und ganz am Ende steht die Versicherung des Vaters, dass es besser wird, irgendwann, ganz bestimmt. Die Bilder bestechen durch ihre außergewöhnliche Gestaltung, es sind Fotocollagen, die Gegenstände aus Papier gestaltet, mit viel Liebe zum Detail und durch teils ungewöhnliche Blickwinkel von eindringlicher Tiefe. Nichts wird beschönigt, der Vater erscheint mit gesenktem Kopf, von Trauer gebeugt, und dennoch vermittelt er seinem Sohn ein Gefühl von Geborgenheit. Es ist ein sperriges Bilderbuch, nichts ist glatt und schön, alles muss hinterfragt werden, doch gerade dadurch berührt es zutiefst. Und steht auf der diesjährigen Nominierungsliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis, zu Recht.
Zumutung wagen
Allen Bilderbüchern gemeinsam ist, dass sie einen wunderbaren Aufhänger bieten, um mit Vorschulkindern über den Tod zu sprechen, vielleicht auch einmal ohne konkreten Anlass. Auch wenn unsere Gesellschaft dazu neigt, Kinder emotional in Watte zu packen – wer jemals vor der Tatsache stand, sich mit Kindern auseinandersetzen zu müssen, wird erfahren haben, dass unsere Kleinsten viel belastbarer sind, als wir ihnen gemeinhin zumuten. Kinder wollen nicht wegschauen, sie sind neugierig, sie begreifen den Tod vielleicht noch nicht in seiner allerletzten Konsequenz, aber sie sind auch noch nicht vorbelastet. Und werden den Erwachsenen eine Vielzahl verblüffender Erkenntnisse und neuer Einsichten vermitteln, probieren Sie es aus!
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