Kim Frank: 27
06.06.2011
Echt, jetzt?
In Kim Franks Debütroman 27 steckt zu wenig Kim Frank, und zuviel Klischee: Eine ausgewogenere Dosierung wäre nett gewesen, meint JAN FISCHER.
Zugegeben: Der erste Reflex war, einen Witz über Größenwahn zu machen. Da kommt Kim Frank an – wir erinnern uns: Sänger der mittlerweile aufgelösten und eher mittelmäßigen Band Echt, die uns mit Hits wie Junimond die Ohren belagerte – und schreibt ein Buch über einen Sänger, der auf magische Weise die Stimme seiner Generation wird; und von der Angst geplagt wird, dem »Club 27« beizutreten.
Zufall, Mythos, Legende
Kleiner Exkurs, für alle, die es nicht wissen: Tendenziell sterben die großen Namen in der Musik gerne mit 27 Jahren: Janis Joplin, Jimi Hendrix, Kurt Cobain, Jim Morrison: Das sind nur die vier bekanntesten Mitglieder des »Club 27«. Das Muster lässt sich aber bis zurück ins Jahr 1892 nachweisen; manchmal, sagt man, es sei in Fluch, manchmal aber einfach auch nur: Ein Zufall, ein Mythos, eine Legende. Kim Franks Protagonist Mika jedenfalls fühlt sich von der Zahl 27 verfolgt, schon bevor überhaupt – durch Recherchen seines musikbesessenen, aber verstorbenen Onkels – davon erfährt, schon bevor er in den weltweiten Superruhm hineinstürzt, ohne dass er wirklich weiß, wie ihm geschieht.
Man bekommt es dann mit einem klassischen Problem in der Literatur zu tun, nämlich der Frage, inwieweit der Protagonist und der Schriftsteller deckungsgleich sind. Die klassische Antwort in diesem Fall ist: Keine Ahnung. Mal mehr, mal weniger. In 27 ist es eine relevante Frage: Wenn Frank versucht, in 27 über sich zu schreiben, dann kann man eigentlich nur die Augen verdrehen und sagen: Echt, jetzt? Echt? Die Stimmer deiner Generation? In einer Reihe mit Joplin, Cobain, Hendrix? Und sich einen Witz über Größenwahn ausdenken.
Musiker und Musikerfigur
Allerdings, und da wird ein ein bisschen komplizierter, gibt es die Band Echt nicht mehr. Und die war das Einzige, was Franks fiktiver Band aus 27 – Fears heißt sie – überhaupt ein bisschen geähnelt hat. Und Frank hat ja danach nicht aufgehört, zu existieren: Mittlerweile gibt es eine eher schlecht verkaufte Soloplatte, außerdem fotografiert er, ist Schauspieler, führt Regie bei Musikvideos, schreibt hin und wieder mal Lieder für oder mit anderen. Laut Verlag schrieb er den Roman mit 27 Jahren, aber das wäre dann schon alles: Gut, Frank schreibt nicht über sich. Er ist nur ein Musiker, der sich eine Musikerfigur ausgedacht hat. Kommt vor.
Seine Figur Mika kommt jedenfalls mit dem Ruhm nicht klar: Dieser Dauerrausch aus Frauen, Drogen, Auftritten, das ganze Tamtam aus dem klassischen Live-fast-die-young-Kanon. Mika schafft das nicht, ist zu jung zu berühmt, zu besessen, zu traurig für das alles. Frank gibt übrigens in einem Interview mit der taz zu Protokoll, dass er nie drogenabhängig war. Sowieso, die Interviews, überhaupt alles, was ich über Frank, so wie er sich in den Medien präsentiert, auftreiben lässt: Das alles liest sich nicht, als wäre er einfach nur irgendsoein Typ, der versucht, aus seinem Namen noch ein bisschen Geld zu machen – und eben auch noch ein Buch zu verkaufen (obwohl der Rowohlt-Verlag es tatsächlich aggressiv bewirbt. Aber das ist ja nicht Franks Schuld). Frank wirkt eher wie einer, der Ahnung hat, einer der Dinge so lange tut, bis sie gut werden. Ein kluger, netter Mensch. Jedenfalls keiner, der irgendeinen Mist raushaut, weil er Geld braucht.
Besser in der Boulevardpresse
Kim Frank als Autor also. Mika als Figur. 27 als Roman. Und da geht es dann wirklich tief runter. Frank mag ein guter Songwriter sein, als Fotograf, Schauspieler und Regisseur was taugen: Ein Multitalent, so schon. Aber als Schriftsteller – oder sagt man in so einem Fall Buchautor? – ist er eher im falschen Film. 27 ist wahrscheinlich auch als Reminiszenz an die großen Alten des Rock'n'Roll gedacht. Allen voran Jim Morrison, den Mika immer wieder hört, immer wieder neu entdeckt – und bei einem Auftritt, den er mit dem Rücken zum Publikum absolviert, sogar kopiert. Aber ein Großteil des Buches bleibt in Klischees von vielen Frauen, vielen Drogen und schnellem Leben stecken: Mikas Geschichte ist eine, die schon tausend Mal erzählt ist, nicht zuletzt auf den bunten Seiten der Boulevardpresse, wenn sie von Pete Doherty oder Amy Winehouse schreibt. Und das sind Leute, deren Geschichten sich weitaus schräger und realistischer lesen als die Mikas.
Klischees und das andere
Es gibt ein paar Figuren, die interessant sind: der Manager der Band beispielsweise, ein bärbeißiger Vatertyp mit Herzproblemen. Es gibt eine Szene – Mika und ein Popmädchen, Typ ewige Jungfrau, ziehen sich bei den Europe Music Awards unter einem Tisch gegenseitig aus – die wirklich Spaß macht. Aber der Rest sind Klischees, die auf anorganische Zufälle getürmt werden, und Frank hätte wahrscheinlich gut daran getan, ein bisschen weniger in den Legenden der großen Alten zu lesen; und, das ist nur ein Vorschlag, sich ein bisschen in die Realität zu vertiefen, die Zeit mit seiner Band Echt aufzuarbeiten, oder die danach, wo er – je nach Quelle – entweder tief abstürzte oder einfach nur mal nicht da war. Man wünscht sich eigentlich fast ein bisschen mehr Kim Frank in dem Buch, vielleicht wäre es dann nicht ganz so klischeebeladen geworden. Denn – wenn es stimmt, was Frank sagt – wäre das die Geschichte über einen hart arbeitenden, eigentlich ganz netten Musikertypen, der kaum Drogen nimmt und kein Genie ist. Dem alles einfach so aus dem Nichts zufliegt, aber immernoch mit einer Menge Frauen. Wäre trotzdem mal was anderes gewesen.

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