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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 08:04

Thomas Bernhard / Peter Hamm: Sind Sie gerne böse?

09.05.2011

Ein dünner Band

Es ist ein dünnes Bändchen, das der Suhrkamp Verlag mit Sind Sie gern böse? da aufgelegt hat. 62 Seiten gefüllt mit Thomas Bernhard und Peter Hamm. Durchgeschaut von JÖRG ESCHENFELDER

 

Die Aufzeichnung eines Nachtgespräches zwischen Thomas Bernhard und Peter Hamm, das 1977 in Bernhards Haus in Ohlsdorf stattgefunden hat. Ein Interview-Buch, ein offenes Gespräch in einer Winternacht, nachdem zuvor schon mehrere Gläser (oder Flaschen?) Wein geleert wurden. Ein Buch, das der Verlag als »Sensation« verkauft, das aber dennoch wohl nur Bernhard-Forscher und absolute Bernhard-Groupies verzücken dürfte. Für alle anderen ist es nur ein weiterer Text, ohne wirklichen Erkenntnisgewinn über den österreichischen Schriftsteller.

 

1976 plante der Suhrkamp-Verlag ein Buch über Thomas Bernhard und der Herausgeber Peter Hamm hatte die Idee, diesem Buch ein Interview mit Bernhard voranzustellen. Da der Autor nicht abgeneigt war, entstand in einer Winternacht dieses Gespräch über das Leben, die Anfänge des Schreibens, die Intention, die Triebfeder und die Rezeption. Doch als Hamm den abgetippten Text vorlegte, kam von Bernhard eine eindeutige Antwort: »Kurz: der ganze (fürchterlich abgetippte!) Text unseres einmaligen (ehemaligen?) Experiments ist vollkommen unbrauchbar und es darf daraus keine Zeile verwendet werden.«

 

Schreiben und Scheitern

Damals war dies schade. Denn das Gespräch enthüllt durchaus einen sensiblen, nachdenklichen, aber auch einen sich ironisch, sich immer wieder brechenden und versteckenden Bernhard. Etwa, wenn er seinen Antrieb zu schreiben, so erklärt: »Im Grund wollt ich irgendwie berühmt sein, immer schon, durch was, war mir eigentlich wurscht.«

Bernhard war aber auch offen, wenn zum Beispiel aus seinem Leben und von seinen Anfängen erzählte oder über seine Prosa sprach: »Ja, ich sehe die Prosastücke wie die Stücke als Partituren.« Nur die Kritiker immer nur einzelne Teile davon wahrnehmen und beurteilen. Sein Schreiben erklärte Bernhard mit dem beständigen Scheitern des Künstlers: Weil das vollendete Werk ihn nie befriedige, mache er sich immer wieder an ein neues. Und es gibt auch eine ehrliche Antwort auf die Frage, ob er gerne böse sei: »Ich glaub ja bis zu einem gewissen Grad.«

 

Spätes Unbehagen

Wie gesagt, in den 70er Jahren wäre das eine Sensation gewesen. Doch heute nicht mehr. Heute ist das alles längst bekannt und eingeordnet. Auch von Bernhard selber. Und Peter Hamm hat heute Verständnis dafür, dass Bernhard damals die Veröffentlichung des Interviews verboten hatte: »Was er zu seiner Kindheit, Jugend und Dichterwerdung zu sagen gewillt war, sollte nicht in der Form einer allzu lockeren nächtlichen Plauderei, sondern als gefasster literarischer Text überliefert werden.«

Dies kann der vorliegende Text nicht leisten. Er ist das (wohl weitgehend) unredigierte Transkript einer Tonbandaufzeichnung. Ein Text, der teilweise nur schwer zu lesen und in seiner Doppelbödigkeit nur dann richtig zu erfassen ist, wenn der Leser den Dialekt Bernhards und dessen Schillern im Ohr hat.

Bernhard hatte die Veröffentlichung einst untersagt. Hamm wollte es auch jetzt nicht wirklich und stimmte »immer noch mit etwas mulmigen Gefühlen« der Veröffentlichung erst zu, als der Verlag und Bernhards Bruder Peter Fabjan meinten, das sei eine gute Idee.

So bleibt mein Fazit: Es wäre besser gewesen, wenn Hamm seinem Unbehagen gefolgt wäre. Dem Verständnis des Menschen Bernhard hätte ein Verzicht auf die Veröffentlichung keinen Abbruch getan. Dem Respekt vor dem Menschen Bernhard hätte ein Verzicht einen Dienst erwiesen. Nur: Dem Verlag hätte dann zum 80. Geburtstag des Schriftstellers eine Einnahmequelle gefehlt.


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Wer ist Jörg Eschenfelder, daß er so klug ist, zu wissen, daß der Verzicht auf die Veröffentlichung "dem Menschen Thomas Bernhard" einen Dienst erwiesen hätte? Ich habe das Interview mit Vergnügen und Respekt gelesen und bin Peter Hamm dankbar für die Veröffentlichung.
| von Thomas Reschke, 07.06.2011
Lieber Thomas Reschke, da war ich selbst interessiert. Das hier hilft vielleicht: http://www.jes-media.com/JES-Media/Home.html
| von Dennis Kogel, 08.06.2011

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