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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 08:05

Hartmut Lange: Im Museum

30.05.2011

Geheimnisse zwischen Poe und Beckett

»Nicht in der Wahrheit, sondern in der Täuschung werden die Untiefen der Existenz berührt«, hatte Hartmut Lange eine Figur in seinem 2007 erschienenen Novellenband Der Therapeut sagen lassen. In den sieben neuen Erzählungen hat der 74-jährige Lange wieder einmal – stilistisch gewohnt souverän und ausgefeilt – diese seelischen Untiefen ausgelotet und ein faszinierendes Verwirrspiel im Grenzbereich menschlichen Handelns und Denkens inszeniert. Von PETER MOHR

 

 

Als »unheimliche Begebenheiten« werden diese Texte durchaus sinnträchtig im Untertitel bezeichnet. Handlungsmittelpunkt aller Erzählungen ist das Deutsche Historische Museum, das von skurrilen Typen bevölkert wird. Sowohl die Besucher als auch das Personal, das zumeist mit Beobachten und Warten beschäftigt ist, wirken leicht surreal, ihr Handeln fremdbestimmt und irrational.

 

Historische Museumsgäste

Mutige Museumsgäste begegnen in entlegenen Gängen plötzlich zum Leben erweckten historischen Gestalten, die aus Gemälden oder Vitrinen hervortreten. Was sich hinter der real sichtbaren Welt abspielt, hat schon immer auf Hartmut Lange einen geradezu magischen Reiz ausgeübt.

 

»Dort ist die Welt, obwohl sie vergangen ist, immer noch nicht in Ordnung, und es gibt Vorgänge, die sich, wenn überhaupt, nur mühsam erklären lassen«, verkündet der Museumsbesucher Dankwart, ein eifriger Lektor, der stets mit Notizblock und Kugelschreiber »bewaffnet« wie in Trance an den 8000 Exponaten vorbeihuscht. Ausgerechnet an diesem Ort des Erinnerns trifft Dankwart auf einen seiner Peiniger, den einst regimetreuen Hardliner Klinger, der als Stasi-Offizier der DDR bis zum Untergang die Treue gehalten hat und heute als Aufseher im Museum für die Einhaltung der Hausordnung eintritt.

 

Eine unerhörte Neuigkeit

Es sind oft Kleinigkeiten, die Langes Geschichten den ganz speziellen Kick geben. Ein Besucher resigniert kurz vor der Schließung des Hauses vor einer Drehtür. Er wird nicht mehr ins Freie gelangen und arrangiert sich widerstandslos mit seiner »Gefangenschaft« in dem menschenleeren Gebäude.

 

Und wieder lässt Lange – typisch für sein Werk – urplötzlich eine Figur verschwinden. Die Museumsangestellte Margarete Bachmann beginnt zunächst zu frieren, schlüpft in wärmere Kleidung und will dann – wie von einer inneren Stimme getrieben – den Ursprung des kalten Luftzugs aufspüren. Sie schleicht durch dunkle Gänge und irgendwann verliert sich ihre Spur. Das liest sich schaurig und absurd zugleich, als hätten Edgar Allan Poe und Samuel Beckett diese Texte gemeinsam arrangiert.

 

Diese kleinen fragilen Texte verbreiten eine verstörende Wirkung, alles gerät aus der Balance und wird von einem geheimnisvollen Nebel eingehüllt. Hier wimmelt es von den sogenannten »unerhörten Begebenheiten«, die die große Novellenkunst ausmacht.

 

Scheinbar unerklärliches menschliches Handeln, manische Obsessionen und rätselhafte Ausbrüche aus dem geregelten Alltag: Das sind wiederkehrende, philosophisch untermalte Themen, mit denen sich Hartmut Lange seit mehr als einem Vierteljahrhundert auf höchstem literarischen Niveau und mit großer sprachlicher Meisterschaft auseinandersetzt. So ist es bedauerlich und auch etwas verwunderlich, dass sein Name immer noch lediglich als Geheimtipp gehandelt wird und er bei der Vergabe der wichtigen Literaturpreise stets ignoriert worden ist.

 

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