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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 08:05

Hanns-Josef Ortheil: Venedig. Eine Verführung

09.05.2011

Träumereien in Harry`s Bar

Seit Jahrzehnten lässt sich Hanns-Josef Ortheil von Venedig betören und verführen. Jetzt widmet er der Stadt zwischen Fischmärkten, Frühmessen und Fahrradtouren ein Liebhaberbuch. Von INGEBORG JAISER

 

Giacomo Casanova lebte dort und Marco Polo, Tintoretto und Tizian, Claudio Monteverdi und Richard Wagner, Peggy Guggenheim und Ernest Hemingway, Thomas Mann und Donna Leon. Auch Hanns-Josef  Ortheil lässt sich seit vierzig Jahren immer wieder aufs Neue von Venedig vereinnahmen, nachdem er im April 1971 bei seinem ersten Besuch – zufällig, jedoch vollkommen überwältigt – Strawinskys Totenmesse beiwohnen konnte. Seither ist diese Stadt eine Droge für ihn, Stimulans und Verführung zugleich: »Venedig macht süchtig und vermittelt wie sonst keine Stadt das Gefühl, ein ideales Terrain der Selbstsuche zu sein«

 

Über den Fluss und in die Wälder

Hat Ortheil der Stadt bereits im Licht der Lagune ein Denkmal gesetzt und sich mit  Rom: Eine Ekstase als ausgewiesener Italienkenner profiliert, zeigt er sich nun als Flaneur, Genießer, Gourmet, Literatur- und Kunstkenner. Begeistert und entzückt, kenntnisreich und erfahren blättert er mit leichter Hand die Geschichte dieser verwunschenen Stadt auf und verwebt sie geschickt mit eigenen Erlebnissen und Begegnungen. Hemingways Roman Über den Fluss und in die Wälder war es, der den damals zwanzigjährigen Ortheil nach Venedig lockte: »Es ist die Empfindung, einen Teil von sich selbst in Venedig wiederzufinden, einen Teil, an den man gar nicht mehr dachte…«

 

Sehnsüchtig erinnert sich Ortheil an dieses erste Mal und zelebriert erneut einen langen, erfüllten, erlebnisreichen Tag in der Lagunenstadt: sinnliche Streifzüge vom frühen Espresso in der Lieblingsbar in Dorsoduro bis hin zum menschenleeren Markusplatz in tintenschwarzer Nacht. Solch ein idealtypischer Tag ist erfüllt vom Gehen und Streunen, Probieren und Genießen, Staunen und Betrachten. Er schlägt einen weiten Bogen von Kulinarik bis Kunst, von Musik bis Museen, von Geographie bis Geschichte. Wir sind unterwegs zu Fuß, mit dem Fahrrad, der Gondel und dem Vaporetto. Wir sind zu Gast im Palazzo Mocenigo des ausgehenden 18. Jahrhunderts, in Harry`s Bar zur Zeit Hemingways oder in Dorothea von der Koelens Galerie der Gegenwart. Stimmungsvoll begleitet von Schwarzweiß-Fotografien von Jörg Schaper.

 

Zabaione und Zaletti

Und stets begleiten uns die zum Ort und zum Tagesablauf passenden Mahlzeiten und Rezepte: Stockfischmus und gedünstete Artischocken als Kostproben des späten Vormittags, Jakobsmuscheln und Meerbarben über Mittag, Zabaione und Zaletti als Süßspeisen des frühen Nachmittags – um dann schließlich, während des Sonnenuntergangs, in Harry`s Bar auf den Abend eingestimmt zu werden. Darf es ein Bellini aus weißen Pfirsichen mit Prosecco sein oder lieber ein trockener Montgomery (15 Teile Gin, 1 Teil Wermut), dem venezianischen Lieblingsdrink Ernest Hemingways? Als der amerikanische Schriftsteller 1950 nach über 10jähriger Schreibpause ausgelaugt in Venedig strandete, beflügelten ihn die Freundschaft mit dem Hotelbesitzer Giuseppe Cipriani und die überraschende Liebschaft mit der blutjungen Adligen Adriana Ivancich erneut. Noch heute lässt es sich im »ciprianischen Traumreich« herrlich in den Abend hinüber gleiten.

 

Ortheils sinnliches, vielgestaltiges Werk ist Reiseführer und Kochbuch, Geographieatlas und

Erzählung zugleich. Es macht sich im Handgepäck jedes Venedigreisenden gleichermaßen gut wie auf dem Sofa bei einem Glas italienischen Rotweins. Eines ist jedoch gewiss: Es verbreitet eine ungeheure Lebenslust und eine gehörige Portion Appetit auf die immer wieder reizvolle Lagunenstadt. Andiamo!


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