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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 08:10

KOMMANDO EL3KTROLYRIK: Status geändert

30.05.2011

Buy one, get one free, und das nochmal zum halben Preis

Das KOMMANDO EL3KTROLYRIK zwischen Konsumrausch und Social Media. Von STEFAN HEUER

 

Wer bei Gonzo an den langnasigen Stuntman aus der von 1977 bis 1981 in die deutschen Wohnzimmer flimmernden Muppet Show denkt, die in 120 Folgen nicht nur Schweine im Weltall, sondern in jeder Folge auch einen Gaststar aus dem Showbusiness präsentierte, liegt natürlich nicht ganz daneben. Wer jedoch im Internet das gONZoversum betritt, befindet sich auf der Seite des in Mainz beheimateten gONZo-Verlags, der, in Anlehnung an den ehemaligen »Heidi Loves You«-Shop des vor kurzem verstorbenen Hadayatullah Hübsch dort auch den »gONZo Loves You«-Laden betreibt und neben Büchern auch Lesezeichen und Postkarten, aber auch extravagantere Produkte, wie Rosen aus verrostetem Stacheldraht und Beton unter das Volk bringt. Dafür, dass sich das Programm des Verlags nur schwerlich in Schubladen packen lässt, findet Verlegerin Miriam Spies einfache Worte: Wir orientieren uns nicht an dem, was normale Verlage, Buchhandlungen oder Veranstalter so machen: Wir machen einfach, worauf wir grade Böcke haben. Für diesen Sommer ist ein Gedichtband von Hübsch angekündigt, aber auch ein Roman des ehemaligen Tote-Hosen-Schlagzeugers und Filmemachers Trini Trimpop.

 

Aktuell neuestes Produkt aus dem gONZoversum ist die EP Status geändert vom KOMMANDO EL3KTROLYRIK, einem 5-köpfigen Künstlerkollektiv, das seine Texte und Themen direkt aus dem »postmodernen Alltag« bezieht und mit elektronischer Musik hinterlegt. Laut Verlagsinfo haben sich »die Elektrolyriker durch ihre einmalige Kombination gesellschaftskritischer Literatur mit elektronischer Tanzmusik in den letzten zwei Jahren deutschlandweit ein beachtliches Renommee erarbeitet.« Diese Vorgehensweise als einmalig zu bezeichnen ist natürlich ebenso aus dem großen Arsch geschissen wie unzutreffend, denn Projekte, in denen (auch gesellschaftskritische) Lyrik mit tanzbarer Elektronik unterlegt wurde, gab es in der jüngeren Vergangenheit doch einige – Kersten Flenters internationales Multimediaprojekt Urban Electronic Poetry (Poesie, Musik und Film) oder die aus Hannover stammenden Beatpoeten seien hier nur stellvertretend erwähnt. Aber es muss ja auch gar nicht immer alles einzigartig sein, wenn es denn gut ist.

»Nicht in der Wahrheit, sondern in der Täuschung werden die Untiefen der Existenz berührt«, hatte Hartmut Lange eine Figur in seinem 2007 erschienenen Novellenband Der Therapeut sagen lassen. In den sieben neuen Erzählungen hat der 74-jährige Lange wieder einmal – stilistisch gewohnt souverän und ausgefeilt – diese seelischen Untiefen ausgelotet und ein faszinierendes Verwirrspiel im Grenzbereich menschlichen Handelns und Denkens inszeniert.

 

Und es geht gut los ...

Der erste Track auf der CD, Consumo Ergo Sum, ist ein kräftiger Seitenhieb auf Kaufrausch und -zwang, eingeleitet von einem abgewandelten und mit Kirchenhall versehenen Vater Unser: unsere täglichen bonuspunkte gib uns heute – und erhöhe unseren dispo, wie auch wir vertrauen auf unsere solvenz – abgerundet von einem fingierten Telefonanruf bei TV-Seelsorger Domian.

 

Weiter geht es mit einer Text-/Soundcollage unter Verwendung von Passagen aus Franz Kafkas Der Prozess: Ein wenig mystisch, sehr zurückhaltende, unbestimmte Musik, die bestens zum Text passt. Der vierte Track, Status geändert, ist eine misanthropische, 5 Minuten lange Beleidigungsorgie auf die Menschheit im Allgemeinen und oberflächliche und unkritische Zeitgenossen im Besonderen, aufgehängt am Zeitphänomen der Social Media. Jeder ist mit jedem vernetzt und wird dabei immer einsamer, der Buschfunk präsentiert die allerneuesten Nachrichten, Community Newsflash, gipfelnd in so wichtigen Mitteilungen wie Hab mir gerade etwas Schorf abgekratzt oder Scheisse ey. mind. 8 Leute grad gelöscht u 2 fremde hinzugefügt weil das iphone total kacke ist! Sry people mag euch trotzdem – Wasser auf meine Mühlen, nicht nur wegen der aufgrund von Datenlecks bei Sony und facebook in diesen Tagen geführten Diskussion, wie freizügig man mit persönlichen Angaben umgehen sollte, möchte oder (beim Zensus 2011) auch muss.

 

Mit Barfuß bringen die Elektrolyriker den lyrischsten der 6 hier vertonten Texte, eine Mixtur aus Bühnenpersönlichkeit und Unbehaglichkeit, aus Selbstauslieferung und Selbstfindung, aus Existenzangst und Freiheit, aus Vita und Wünschen, Auflösung und Wiederauferstehung. Mit der Unerträglichen Bräsigkeit des Seins, einer durch Alltag und Gesellschaft heraufbeschworenen Ohnmacht (Ja! Sie drückt von oben, von oben auf die niedrige Wohnung und auf das Kaffeewasser in der Kaffeekanne und auf den Kopf, den Bräsigkeitskopf drückt sie) endet der rein akustische Teil dieser EP. Zum Abschließ am Abschluss (um hier nochmals auf die Toten Hosen zurückzukommen) beinhaltet die CD noch ein von Kultursekretariat und Land NRW finanziell gefördertes Video zum Stück Alles was Recht ist.

 

Was neben den – nicht immer spektakulären, dadurch jedoch realitätsnahen – Texten und der – mal umspielend-zurückhaltenden, mal durchaus tanzbaren – Musik besonders positiv ins Auge fällt, ist das Artwork. Klappcover mit sehr ansprechendem Booklet, in dem sich neben den Texten eine spartanisch eingesetzte und dennoch liebevoll detailversessene Bildsprache findet.

 

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