Und es geht gut los ...
Der erste Track auf der CD, Consumo Ergo Sum, ist ein kräftiger Seitenhieb auf Kaufrausch und -zwang, eingeleitet von einem abgewandelten und mit Kirchenhall versehenen Vater Unser: unsere täglichen bonuspunkte gib uns heute – und erhöhe unseren dispo, wie auch wir vertrauen auf unsere solvenz – abgerundet von einem fingierten Telefonanruf bei TV-Seelsorger Domian.
Weiter geht es mit einer Text-/Soundcollage unter Verwendung von Passagen aus Franz Kafkas Der Prozess: Ein wenig mystisch, sehr zurückhaltende, unbestimmte Musik, die bestens zum Text passt. Der vierte Track, Status geändert, ist eine misanthropische, 5 Minuten lange Beleidigungsorgie auf die Menschheit im Allgemeinen und oberflächliche und unkritische Zeitgenossen im Besonderen, aufgehängt am Zeitphänomen der Social Media. Jeder ist mit jedem vernetzt und wird dabei immer einsamer, der Buschfunk präsentiert die allerneuesten Nachrichten, Community Newsflash, gipfelnd in so wichtigen Mitteilungen wie Hab mir gerade etwas Schorf abgekratzt oder Scheisse ey. mind. 8 Leute grad gelöscht u 2 fremde hinzugefügt weil das iphone total kacke ist! Sry people mag euch trotzdem – Wasser auf meine Mühlen, nicht nur wegen der aufgrund von Datenlecks bei Sony und facebook in diesen Tagen geführten Diskussion, wie freizügig man mit persönlichen Angaben umgehen sollte, möchte oder (beim Zensus 2011) auch muss.
Mit Barfuß bringen die Elektrolyriker den lyrischsten der 6 hier vertonten Texte, eine Mixtur aus Bühnenpersönlichkeit und Unbehaglichkeit, aus Selbstauslieferung und Selbstfindung, aus Existenzangst und Freiheit, aus Vita und Wünschen, Auflösung und Wiederauferstehung. Mit der Unerträglichen Bräsigkeit des Seins, einer durch Alltag und Gesellschaft heraufbeschworenen Ohnmacht (Ja! Sie drückt von oben, von oben auf die niedrige Wohnung und auf das Kaffeewasser in der Kaffeekanne und auf den Kopf, den Bräsigkeitskopf drückt sie) endet der rein akustische Teil dieser EP. Zum Abschließ am Abschluss (um hier nochmals auf die Toten Hosen zurückzukommen) beinhaltet die CD noch ein von Kultursekretariat und Land NRW finanziell gefördertes Video zum Stück Alles was Recht ist.
Was neben den – nicht immer spektakulären, dadurch jedoch realitätsnahen – Texten und der – mal umspielend-zurückhaltenden, mal durchaus tanzbaren – Musik besonders positiv ins Auge fällt, ist das Artwork. Klappcover mit sehr ansprechendem Booklet, in dem sich neben den Texten eine spartanisch eingesetzte und dennoch liebevoll detailversessene Bildsprache findet.
