Sicherheit oder Freiheit?
Allzu viel Neues muss sich Alle Condie für ihre Trilogie nicht ausdenken, denn sie arbeitet schlicht nach dem Regelwerk, das eine dystopische Gesellschaft kennzeichnet: eine autoritäre Regierung mit stark repressiver sozialer Kontrolle. Den Menschen sind jegliche Freiheiten genommen, sie suchen sich weder ihren Partner noch haben sie Chancen ihrem vorbestimmten Tod am 80. Geburtstag zu entgehen. Die Kommunikation untereinander ist eingeschränkt, das geschichtliche Bewusstsein verlorengegangen, ebenso wie die Werte, die zu anderen Epochen galten. Dazu wurden beispielsweise alle Bilder und Bücher vernichtet. Was übrig bleibt, ist eine kalte, sterile Welt, deren Bewohner bis in ihre Träume hinein kontrolliert werden.
Es mag dem Zeitgeschmack und dem jugendlichen Lesepublikum geschuldet sein, dass sich über den durchaus treffenden Hintergrund eine Liebegeschichte schiebt, die eher trivial wirkt. Natürlich muss sich Cassia dem System entgegenstellen. Natürlich muss so ein aufmüpfiges Verhalten bestraft werden. Und man wünscht den Leserinnen und Lesern, dass sie vielleicht einmal zu Klassikern wie Die Zeitmaschine von H.G. Wells oder 1984 von George Orwell greifen…
Dabei muss man Alle Condie bescheinigen, dass sie ihre Welt bestens im Griff hat, dass sie in Ruhe Stimmung und Atmosphäre aufbaut, auf stimmige Details achtet und den ganzen ersten Band einer Art Exposition für das Drama um Cassia und Ky widmet. Das mag manchem langatmig erscheinen – dabei liegt in dem Verzicht auf zu viel Action und Spannung die eigentliche Qualität des Romans.
Dann warten wir also auf Band 2, der 2012 erscheinen wird, und dann auf den 3. Teil, der wohl erst 2013 auf den Markt kommt. Wer ungeduldig ist, kann es schon mal mit dem amerikanischen Original versuchen (da gibt es den 2. Teil immerhin schon diesen Herbst). In der Zwischenzeit könnte man aber auch mal einen Blick in die Gedichte von Dylan Thomas werfen, dessen Geh nicht gelassen in die gute Nacht die Auflehnung Cassias gegen die Unterdrückung begleitet. Allein diese Entdeckung ist die Lektüre wert.
