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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 08:15

Adrian Kasnitz: schrumpfende städte

13.06.2011

wachsende unaufgeregtheit

Adrian Kasnitz sucht das verschwinden sichtbar zu machen. Von CRAUSS

 

wer einen gedichtband von Adrian Kasnitz liest, macht nichts falsch. im gegenteil. sich für lyrik zu entscheiden, insbesondere wenn es sich einmal nicht um einen geschenkbuchRilke oder welthaltigkeitsBenn handelt, sondern um einen noch lebenden dichter, zeugt von neugier, aber auch von vertrauen darein, dass ein heutiger uns heutigen ebenfalls etwas zu sagen hat. oder vielmehr zu zeigen.

 

der photograph Bert Teunissen hat eine bildreihe geschaffen, für die er quer durch europa gezogen ist, um in den verschiedenen ländern leute in jeweils typischen wohnräumen zu dokumentieren. es handelt sich dabei vornehmlich um solche wohnsituationen, wie wir sie in einigen jahren nicht mehr erleben werden, weil sie sich technisch oder architektonisch überholt haben, schlicht aus einer anderen zeit in die unsere hineinragen. Kasnitz‘ gedichte funktionieren ganz ähnlich. wo es im letzten und ganz großartigen band den tag zu langen drähten (parasitenpresse 2010) noch eher um menschen, um dorfbewohner und die unsicherheit des städters ihnen gegenüber ging, interessieren den autor im aktuellen buch schrumpfende städte als ausfransende, auch demographisch ausblutende ballungsgebiete, zum größeren teil jedoch eher als verblassende, immer unspezifischer sich von allem andern scheidende gegenden: irgendwo, seitlich, nördlich von sonst, lichtpunkte im wald. keine veduten, keine dem städtischen opponierende loci amoeni. mit einem wort: tristesse, ausgewaschenheit, schlichte anwesenheit einer gegend, nur ab und zu etwas spezielles, aufplatzende äpfel, ein mädchen mit gelbem gesicht, das dann gerade durch seine seltenheit wirkt.

 

was Florian Neuner mit seinen ausgiebigen spaziergängen durch nicht-orte des ruhrgebiets probiert (ruhrtext, klever verlag 2010), macht Kasnitz in seiner lyrik. besonders auf den punkt kommen dabei aber eher die kurzen texte. Kasnitz ist sich beruhigenderweise nicht zu schade für kleine späße (in stuttgart // sassen Rimbaud und Verlaine ohne zu streiten …), andererseits verwandelt er sich dem ton Konstantin Kavafis‘ an (sehr schön: auf lesbos allein) und es gelingt ihm die poesie der reduktion auf einen zweizeiler (westdeutscher rundfunk // es ist so still hier. / wir sind auf sendung) – mehr noch als das: selbst eine profane kapitelüberschrift auf der folgenden seite wird durch das voranstehende gedicht zu einem ebensolchen: meine stunden sind es nicht, heisst es, und man denkt: nicht auf sendung.

 

in den längeren poemen des bandes, insbesondere denen ohne »handelnde« personae, entgeht der autor jedoch nicht immer der gefahr des kryptischen, verschwommenen, das heisst: die texte selbst verschwimmen mit phrasen wie deine scham zu bedecken oder männer [die] dunkles sagen, statt den dunst zu etwas wahrnehmbarem zu verdichten. in einem gedicht wie rigi hat man den eindruck, es sei dem schreiber plötzlich bewusst geworden und er forciert deshalb den sex-akt vor alpenansicht: wo ist dein g-, wo ist dein gefrierpunkt? // später […] lade ich dich […] aufs zahnrad. viel schöner und in ihrer unaufgeregtheit auch genauer solche verse: die katzen zu kennen, ihr ungepflegtes fell zu bürsten / die rippen zu zählen, das macht sie nicht satt. oder: dein name ein ins rollen geratener schiefer aus einem der besten aufmacher für einen lyrikband seit langem und als postkarte (aus dem gebirgichten westfalen) sozusagen die anknüpfung ans letzte buch, das endete mit ich kenne diese ansichten kenne deine briefe / die berge sind gut beschrieben / die aussicht aber hast du sicherlich erfunden.

 

bei aller kleinteiligen kritik steht seit längerem fest: die poesie von Adrian Kasnitz gehört – nicht ausschließlich dorthin, aber doch bestimmt – gut sichtbar neben Rilke und Benn.

 

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