wer einen gedichtband von Adrian Kasnitz liest, macht nichts falsch. im gegenteil. sich für lyrik zu entscheiden, insbesondere wenn es sich einmal nicht um einen geschenkbuchRilke oder welthaltigkeitsBenn handelt, sondern um einen noch lebenden dichter, zeugt von neugier, aber auch von vertrauen darein, dass ein heutiger uns heutigen ebenfalls etwas zu sagen hat. oder vielmehr zu zeigen.
der photograph Bert Teunissen hat eine bildreihe geschaffen, für die er quer durch europa gezogen ist, um in den verschiedenen ländern leute in jeweils typischen wohnräumen zu dokumentieren. es handelt sich dabei vornehmlich um solche wohnsituationen, wie wir sie in einigen jahren nicht mehr erleben werden, weil sie sich technisch oder architektonisch überholt haben, schlicht aus einer anderen zeit in die unsere hineinragen. Kasnitz‘ gedichte funktionieren ganz ähnlich. wo es im letzten und ganz großartigen band den tag zu langen drähten (parasitenpresse 2010) noch eher um menschen, um dorfbewohner und die unsicherheit des städters ihnen gegenüber ging, interessieren den autor im aktuellen buch schrumpfende städte als ausfransende, auch demographisch ausblutende ballungsgebiete, zum größeren teil jedoch eher als verblassende, immer unspezifischer sich von allem andern scheidende gegenden: irgendwo, seitlich, nördlich von sonst, lichtpunkte im wald. keine veduten, keine dem städtischen opponierende loci amoeni. mit einem wort: tristesse, ausgewaschenheit, schlichte anwesenheit einer gegend, nur ab und zu etwas spezielles, aufplatzende äpfel, ein mädchen mit gelbem gesicht, das dann gerade durch seine seltenheit wirkt.