von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen Eli Pariser: Filter Bubble Der FUTTERblog - streng verdaulich! Kennzeichen T - 28.04.2012
Donnerstag, 24. Mai 2012 | 08:18

Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer

20.06.2011

Die Hexen von Bonden

Siri Hustvedt ist seit 30 Jahren glücklich mit dem Schriftstellergatten Paul Auster verheiratet. Der Sommer ohne Männer wäre für sie keine reale Option – doch immerhin eine fiktive Versuchung.

Von INGEBORG JAISER

 

Die als »Pause« deklarierte eheliche Auszeit führt den Neurologen Boris direkt in die Arme seiner vollbusigen, französischen Assistentin – für seine Ehefrau Mia bedeutet es jedoch Nervenzusammenbruch, Haldol und Psychiatrie. Die Diagnose lautet »vorübergehende Durchgangsstörung« und ist nach knapp zwei Wochen behoben.

 

Doch Mia fühlt sich zerbrochen und in den Grundfesten erschüttert, so eng war ihr Dasein mit Boris verwoben. Von ihrem Arbeitgeber temporär beurlaubt, verlässt sie die einsame Wohnung in New York und kehrt zurück nach Minnesota, in ihren Heimatort Bonden, wo ihre betagte, aber immer noch putzmuntere Mutter Laura in einem Altersheim lebt.

 

Mysterien in Rolling Meadows

»Es erfordert allergrößte Anstrengung, den Überblick über das eigene Selbst zu behalten, und der Umschwung hin zur Genesung geschieht in dem Augenblick, wenn ein bisschen von der Welt wieder eingelassen wird.« Mia tauscht nach der Krise ihre Welt sogar komplett neu aus. Mietet das Haus eines »jungen Professorenpaars mit zwei Kindern, die sich über den Sommer mit irgendwelchen Forschungsstipendien nach Genf abgesetzt hatten«. Veranstaltet im örtlichen Kulturforum einen Lyrik-Workshop für Jugendliche. Freundet sich mit den etwas schrillen Gefährtinnen ihrer Mutter aus dem Pflegeheim Rolling Meadows an. Sucht Kontakt zu der jungen Familie im Nachbarhaus.

 

Angestrengt versucht Mia, wieder Boden unter den Füßen zu erlangen und sich auf ihre Fähigkeiten zu berufen: mit 55 kann sie auf einen angesehenen Literaturpreis, einen Doktor in Komparatistik und einen Lehrauftrag an der Columbia University zurückblicken. Sieht so eine hypersensible Gestörte aus? Doch die mysteriösen Ereignisse in Bonden tragen nicht gerade zu  einem neuen Sicherheitsgefühl bei.

 

Der Club der fünf Schwäne

Anonyme Mails und ein beunruhigender Mobbing-Fall unter den durchgeknallten, pubertierenden Kursteilnehmerinnen des Poesie-Workshops sorgen für Erschütterung. Lautstarke Streitigkeiten und eine verhaltensauffällige kleine Tochter machen die neuen Nachbarn nicht gerade sympathisch. Die Erinnerung an den Selbstmord des Schwagers Stefan verstört immer wieder. Und unter den »fünf Schwänen« der allesamt verwitweten, aber durchaus pfiffigen Mitglieder der Alte-Damen-Clique rund um Mias Mutter sticht besonders Abigail hervor, die als ehemalige Handarbeitslehrerin obszöne, doppeldeutige Stickereien anfertigt. Nur Mia bekommt sie zu Gesicht.

 

Sollte dies alles Teil eines umfangreichen Skriptes sein? »Aufregung kommt gewöhnlich in Eile daher. Unruhe in der einen Ecke wird oft von einem ähnlichen Tumult in einer anderen Ecke widergespiegelt.« Siri Hustvedt versteht es, durch Dramaturgie, Dynamik, Zuspitzung und einer Prise Ironie eine gewaltige Sogwirkung zu erzeugen. Ihr Faible für psychologische und neurologische Themen dominierten bereits ihre Vorgängerromane Die Leiden eines Amerikaners und Die zitternde Frau - eine ganz besondere Affinität, die Hustvedt sogar einen Lehrauftrag für die Sigmund-Freud-Vorlesung in Wien beschert hat.

 

Musik des Zufalls

Der Sommer ohne Männer ist ein hinreißender Roman über Liebe und Freundschaft, über Psyche und Geist, über Altern und Sterben (»Altwerden ist schön, das Problem ist, dass der Körper dabei in die Binsen geht«). Die Überdosis an Happy End nimmt man dabei schon nachsichtig in Kauf. »Schließlich kann jeder von uns allen das Knäuel von Fiktionen entwirren, die jenes wacklige Ding bilden, das wir Selbst nennen.«

 

PS. Ein paar augenzwinkernde Schlenker zu ihrem realen Ehemann lässt sich Siri Hustvedt nicht nehmen: »Es ist einfach die Musik des Zufalls, wie ein prominenter amerikanischer Romancier es einmal ausgedrückt hat. «

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Öko oder Nazi - Hauptsache Pirat!

Die gute Nachricht zuerst: Die Polizei hat diese Woche bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen zwanzig Wohnungen durchsucht und drei Rechtsextreme im Alter zwischen 18 und  20 Jahren ...

Maler der Farben und Formen

Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...

Garten Eden vor der Haustüre

Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...

Verstaubt ohne Ende

Bullenklatschen ist ein irreführender Titel, aber er provoziert – das ließe sich genauso über den Film sagen. Provozierend das Personal: eine Anarcho-Fete. Jedenfalls ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Trash, Hype, Diskursgewaber & Nostalgieambient

Kurz und bündig: KRISTOFFER CORNILS über Pink Holy Days, Laurel Halo, Motion Sickness Of Time Travel und ...

Augenblicke des »alten Europa«

Tony Judts literarischer Gang durch sein Chalet der Erinnerungen.

 

Von WOLFRAM SCHÜTTE

Gegen die Dominanz des Beliebten

Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...

Er lebt, und er weiß es

Es muss einfach einmal gesagt werden: Er ist einer der Größten. Nächstes Jahr wird Randy Newman siebzig, und seine Zuhörer sind mit ihm alt geworden. Aber es sind genug, um den ...

No sleep till Pixel

Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...

No sleep till Pixel

Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...