Marie-Aude Murail: Ich Tarzan - du Nickless!
13.06.2011
Völkerverständigung
Eltern wollen das Beste für ihre Kinder, und meistens beinhaltet das, dass die eigenen Kinder im Leben weiter kommen sollen als man selbst. Die schulischen Leistungen sollen gut sein, Sport zu betreiben und ein Instrument zu erlernen ist Pflicht und auf Fremdsprachen kann man sowieso nicht verzichten. ANDREA WANNER war gespannt, wohin der elterliche Ehrgeiz im Falle von Jean-Charles führt.
Wir kennen den Titel des Buches in seinem Original als unvergesslichen Tarzan-Jane-Dialog alle. Zumindest wir Erwachsenen. Wenn Kinder ihn nicht kennen – und bei 8-jährigen liegt die Vermutung nahe, dass es nicht zwangsläufig zu ihrem Bildungsgut gehört, macht das auch nichts. Denn die Situation werden sie kennen.
»Ich war neun Jahre alt, als ich Holländisch gelernt habe«, beginnt der Bericht des längst erwachsenen Jean-Charles von jenem Campingurlaub in Deutschland, auf den sein Vater so viel gesetzt hatte. Ein Bad in der deutschen Sprache sollte es für seine beiden Kinder, vor allem den Sohn werden, der danach der komplizierten Sprache des Nachbarlandes mächtig sein würde. Mit diesem hohen Ziel im Gepäck reist die Familie von Paris an die deutsche Nordseeküste, schlägt ihr Zelt auf und wartet darauf, dass sich Jean-Charles mit einem deutschen Jungen anfreundet.
Foto: Moritzverlag
Schrappatt, Traboim, Sprohoff
So trifft Jean-Charles auf Nickless. Und weil Jean-Charles Tarzan kennt, Nickless aber offensichtlich nicht, wird die Vorstellung, bei der sich Jean-Charles auf die Brust schlägt und »Ich, Tarzan!« verkündet, von seinem gegenüber gründlich missverstanden. »Ichtazan« ist von da an Jean-Charles Urlaubsferienname, mit dem ihn der neu gewonnene Freund anspricht. Nickless ist ebenfalls daran interessiert, Französisch zu lernen, aber das Projekt erscheint Jean-Charles nicht spannend genug. So erfindet er einfach eine Fantasiesprache, die er Nickless beibringt, die er aber auch selbst lernen muss (um sich mit Nickless verständigen zu können). So gibt er sie gegenüber seinen Eltern als Holländisch aus, die Sprache, die Nickless spricht. Das führt zu allerlei Verwicklungen, wenn der französische Papa die Zeltnachbarin »auf Holländisch« mit »Holla-i« begrüßt oder die französische Mama sich ein »Wruck« leihen will – das Wort, das Jean-Charles und Nickless gemeinsam als »Ei« verstehen. Aber eben nur sie. Und so kommt Madame leicht irritiert mit einer Flasche Essig zurück.
Sprachkreativ entwickelt Jean-Charles Vokabeln, die er sich abends von seinem Vater abfragen lässt. Papa ist beeindruckt: »Das ist eine äußerst interessante Sprache. Für kurze Hose nehmen sie einfach das halbe Wort für Hose. Hose heißt Pattpatt und kurze Hose Patt. Das ist viel logischer als im Französischen.«
»Brova!«
Marie-Aude Murails Geschichte ist im Original Französisch. Die Übersetzung irritiert im allerersten Moment ein bisschen, weil das Spiel mit fremden Sprachen natürlich unübersetzt besser funktioniert. Paula Peretti ist dennoch eine Übersetzung gelungen, die einen dieses Problem schnell vergessen lässt. Das amüsante Spiel mit Kommunikation, mit Wörtern, Missverständnissen und einem herrlichen Schlussgag ist bestens gelungen und die vielen Illustrationen von Michel Gays sorgen dafür, dass auch weniger geübte Leserinnen und Leser nie die Lust an den 56 Seiten verlieren.
Ganz klar, am Ende des Ferienabenteuers steht fest: »Nickless gabumm Ichtazan«, was übersetzt bedeutet, dass Nickless und Ichtazan Freunde sind. Und dem Ruf, besonders sprachbegabt zu sein, macht Jean-Charles auch im weiteren Leben alle Ehre. Brova! Oder wie wir auf Deutsch sagen: »Bravo!«

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