David Albahari: Die Kuh ist ein einsames Tier
27.06.2011
In der Kürze liegt die Wucht
Auf den Punkt kommen – in seiner Kurzgeschichtensammlung Die Kuh ist ein einsames Tier nimmt sich David Albahari diese Losung sehr zu Herzen: Die Prosastücke des Bandes sind auf ein Minimum reduziert. CHRISTIAN NEUBERT entdeckt in den knappen Texten große Weiten und bemerkenswerte Tiefe.
Mutterland, Die Ohrfeige, Tagelanger Schneefall – von David Albahari waren es bisher eher die Romane, die für Aufsehen sorgten. Daher mutet ein erster flüchtiger Blick in seinen neu bei Eichborn erschienenen Band, Die Kuh ist ein einsames Tier, auch an, als habe der 1994 nach Kanada übergesiedelte Serbe sein Notizbuch zur Veröffentlichung gegeben. Immerhin enthält die Anthologie rund 120 Texte, die scheinbar Fragment geblieben sind. Einzelne Fetzen, die der Autor nie in einen großen Zusammenhang eingebettet hat.
Nimmt man sich aber einige dieser Textfetzen vor, bemerkt man sehr wohl, dass sie, jeder für sich genommen, in einem großen Zusammenhang stehen. Die einzelnen Stücke sind Episoden aus dem Leben vieler Menschen, und immer wieder auch aus dem Leben des Autors selbst. Episoden, die aufzeigen, dass die einzelnen Leben bei aller jeweiliger Einzigartigkeit auch vieles teilen und gemein haben.
Knappe Episoden aus vielerlei Leben
Ja, Albahari offenbart sich in seiner Sammlung an Kurz- oder besser Kürzestgeschichten als Existenzialist. Subjektive Eindrücke oder Subjekte werden hier nicht in den Vordergrund gedrängt, sie sind ohnehin schon da. Natürlich scheitern sie aufgrund ihrer Vordergrundstellung, die immer auch eine Stellung vor dem Abgrund ist, und natürlich ist das ein Grund zu Trauer, Besorgnis und Verzweiflung. Aber den einen oder anderen Lacher kann man dem Ganzen auch in Albaharis Texthäppchen immer wieder abgewinnen, dafür sorgt schon allein der Versuch, sich ein vermeintlich richtiges Leben im offensichtlich falschen zu sichern – der Versuch, das Absurde mit Sinn auszufüllen und der immer wieder aufs Neue unternommen wird, obwohl parallel dazu die beste Geschichte auch immer daran scheitert, dass sie noch niedergeschrieben werden muss. Ein Zwiespalt, der von Albahari einige Male zum Thema erhoben wird.
Mal treten Albaharis auf drei, vier Sätze reduzierte Prosastücke gleichnishaft oder als Aphorismen auf, mal meint man, es mit undurchsichtig bleibenden Traumbildern zu tun zu haben: Mit uhrmacherischer Präzision, ohne Umschweife, aber stets in ein dichterisches Gewand gehüllt teilt Albahari Eindrücke unterschiedlichster Beschaffenheit mit, die fast nie mehr als eine halbe Seite an Raum einnehmen.
Reduktion mit Präzision
Was sich hier eventuell nach literarischer Fingerübung oder gar nach einem erzählerischen Taschenspielertrick anhört, entfaltet bei der Lektüre erstaunliche Weite und Tiefe. Denn die angestrebte Verknappung führt nicht zu künstlerischer Reduktion; hier wurde nicht etwa einfach an Adjektiven gespart, wie man vermuten könnte, um einem selbst auferlegten Dogma gerecht zu werden. Im Gegenteil: Egal, welche Stimmungen sie transportieren, die wenigen Zeilen der einzelnen Texte offenbaren ganze Bewusstseinsströme. Einige der kurzen Erzählungen kommen dabei mit der Kühle einer Bedienungsanleitung daher, andere entfalten grotesken Charme, während wieder andere mit einer emotionalen Wucht aufwarten, die einen erst einholt, wenn man glaubt, die nur wenige Zeilen umfassenden Textfetzen bereits verdaut zu haben. Dass Albahari seine gesammelten »Minutentexte« über einen Zeitraum von 30 Jahren niedergeschrieben hat, fällt dabei übrigens überhaupt nicht auf – sie lesen sich wie aus einem Guss.
Ein Thema, das in den klar und scharf formulierten Stücken immer wiederkehrt, ist die Stille. Man könnte meinen, dass sie der Grund dafür ist, warum Albahari bereits nach wenigen Sätzen das ausgesprochen haben will, was er in seinen Geschichten mitzuteilen hat. So, als wolle er gegen die Stille anreden. Doch da es sich bei der vorliegenden Anthologie um kurze Geschichten und dauerhafte Wahrheiten über Liebe, Traurigkeit und den ganzen Rest handelt, mag auch das Gegenteil davon stimmen. Immerhin kann die Stille gleichermaßen als Bedrohung oder Erlösung auftreten oder enden, als beängstigende Leere oder als Fülle und Labsal. Je nachdem eben. Die Kuh ist ein einsames Tier wartet mit beidem auf. Und mit allem, was dazwischenliegt.

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