Roberto Innocenti / J. Patrick Lewis: Ein Haus erzählt
04.07.2011
Der andere Blick
Die Vorstellung, dass unbelebte Gegenstände sich in Worten äußern, hat für viele eine seltsame Faszination. Eindeutig soll das Thema zudem sein, das Leben und Treiben der Menschen nämlich, möglichst über Zeiträume, die länger dauern, als ein Menschenleben. Die Folge solcher Wünsche sind Geschichten und Geschichtchen, besserer oder minderer Qualität, denen vor allem eins gemeinsam ist: ein penetrant moralischer Standpunkt. Roberto Innocenti und Patrick Lewis schlagen in Ein Haus erzählt einen anderen Weg ein, findet MAGALI HEISSLER.
Ein Haus aus Holz und Stein ist der Protagonist, aber das, was es zunächst zu sagen hat, haben ihm Menschen im Wortsinn auf die Stirn geschrieben, sein Baujahr nämlich, 1656. Die Pest herrschte in jenem Jahr, so erfährt man weiter. In Worten – dazu gibt es keine Bilder. Mit bloßen Worten auch wird berichtet, wie der Protagonist sehen und hören lernt und dass er lernt, was die verrinnende Zeit den Menschen bringt. Das Haus wird darüber sogar vergessen und verstummt. Genau zu Beginn des letzten Jahrhunderts wird es wiederentdeckt. Damit beginnt seine Geschichte aufs Neue. In fünfzehn Abschnitten führt das Haus die Betrachterinnen und Betrachter durch das 20. Jahrhundert und spricht verhalten seinen Kommentar dazu.
Eine Geschichte von Format
Was an diesem Buch zuerst auffällt, ist seine beträchtliche Größe. Es ist ein regelrechter Bildband, mit fünfzehn doppelseitigen Illustrationen und einer einseitigen, die detailliert und vielfarbig das titelgebende Haus in seiner wechselnden Gestalt durch das ganze vergangene Jahrhundert hindurch zeigen. Geprägt wird das Haus sowohl durch seine Baumeister, die zugleich Bewohnerinnen und Bewohner sind, als auch durch den Lauf der Sonne. Jedes Bild zeigt es in einem anderen Licht, in einer anderen Jahreszeit oder zu unterschiedlichen Tageszeiten. Wie sein Baumaterial der umgebenden Natur entstammt, so ist dieses Haus Teil der es umgebenden Landschaft, eine wichtige Erkenntnis, auf deren Vermittlung Zeichner wie Texter bestehen. Begleitet werden die großzügigen Bilder jeweils von einem kleinen, das, ähnlich einem Familienfoto, ein Schlaglicht auf eine bestimmte Situation im Leben der Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses wirft. Grundlegende Ereignisse, wie Geburt oder Tod, gehören ebenso dazu, wie alltägliche; das gemeinsame Essen etwa, Kinderspiele oder Hausarbeit. Gerade eine Handvoll dieser »Fotos« zeigen das Hausinnere. Weit wichtiger ist das Zusammenspiel von äußeren Ereignissen und ihr Einfluss auf den Erzähler, das Haus.
Geschichte auf italienisch
Schon nach den ersten Blicken wird deutlich, dass sich die Geschichte des Hauses in einem bestimmten Kontext abspielt. Sie spiegelt die Entwicklung Mittelitaliens. Eine ländliche, rein landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft ist auf ihrem Weg durch das 20. Jahrhundert, zwei Kriege, Faschismus, das Auf - und Ab der Industriegesellschaft der Nachkriegszeit prägen sie. Die kleinen Bilder zeigen, dass sich der harte Alltag bis Ende der 1950er nur wenig ändert, allerdings wird die landwirtschaftlich genutzte Fläche langsam kleiner, das Brunnenhaus, das zu Beginn des Jahrhunderts noch ein offener Brunnen war, liefert schließlich Wasser für einen Garten, die ersten Strommasten tauchen auf und ein kleines Auto. Die junge Frau, die einst als Braut eingezogen ist, sitzt als sehr alte Frau Strohhüte flechtend im Garten. Aus einem Handwerk ist eine Beschäftigung für Renterinnen geworden. Anfang der 1970er Jahre scheint das Haus erneut vergessen, seine schiere Daseinsberechtigung hat sich verflüchtigt. Das Leben findet anderswo statt. Über zwanzig Jahre später aber geht es weiter, unter veränderten Vorzeichen. Mit dem Ende des 20. Jahrhunderts hat sich auch die Industriegesellschaft geändert, das Haus wird zur Luxusvilla, die umgebende Natur zum bloßen Ambiente.
Gesellschaftskritik
Dieses Buch enthält ein gerütteltes Maß an Gesellschaftskritik, vornehmlich auf das moderne Italien bezogen. Erkennt man den Zusammenhang, entfaltete es eine beträchtliche Wirkung. Außer mit rein bildlichen Mitteln wird darauf aber nirgends hingewiesen. Das ist schade, weil sich seine eigentliche Bedeutung nicht von selbst erschließt. Trotzdem kann man das Buch mit Gewinn genießen, wenn man sich die Zeit nimmt, die Abbildungen genau zu betrachten und die Harmonie der Komposition nicht mit Gemütlichkeit oder gar Niedlichkeit verwechselt. Nichts an den vorgeblich schönen Arrangements ist nur freundlich. Die Härten des Alltags, der Landwirtschaft, von Kriegen, Krankheiten, Wetter und Unwetter sind immer spürbar. Die Doppelseiten enthalten eine Spannung ganz eigener Art, man ist eingeladen, sie zu entdecken.
Nachteilig auf das Verständnis wirkt sich die leider schwache Übersetzung der prägnanten Vierzeiler von J. Patrick Lewis aus. Er fängt die Härte wie auch die Poesie des Lebens ein. Die deutschen Verse mit ihren auf Kindlichkeit getrimmten Reimen beeinträchtigen die Wirkung in hohem Maß.

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