Selbstlose Schwesternliebe
Peter Härtling – meisterhafter Verfasser einfühlsamer Künstlerromane über Schubert und Schumann, Mozart und Hölderlin – taucht ein in das wechselvolle Leben einer talentierten Komponistin zu Beginn des gar nicht immer romantischen 19. Jahrhunderts. Hineingeboren in eine traditionsreiche, jüdische, später zum Christentum übergetretene, großbürgerliche Familie (der Großvater Moses ist ein bekannter Philosoph, der Vater Abraham Bankier und Stadtrat in Berlin) wächst die kleine Fanny ganz selbstverständlich in einem weltoffenen, den Künsten aufgeschlossenen Haus auf, mit Sonntagskonzerten und gesellschaftlichen Beziehungen zu Heine, Kleist und den Varnhagens.
Musik und Literatur haben einen hohen Stellenwert in diesem Umfeld, schon sehr früh kann Fanny lesen und erhält Klavierunterricht von ihrer Mutter. Doch am liebsten widmet sie sich dem kleinen Bruder Felix, einem quirligen, frühreifen, vier Jahre jüngeren Lockenkopf, der ihr bald in nichts nachsteht. Zusammen musizieren und komponieren sie – manchmal geradezu um die Wette. Doch während Felix´ Talent nach Kräften gefördert und herausgestellt wird (»er denkt schnell, lernt schnell, spricht schnell«), hat sich die Schwester in Zurückhaltung zu üben: eine Frau sei schließlich für die Familie bestimmt, ist das allgemeine Verständnis dieser Zeit.
Zuweilen grämt sich Fanny über die Missachtung ihres eigenen Talentes, doch mit nimmermüden Tricks und wachem Geist arbeitet sie zeitlebens an ihrer eigenen Emanzipation. Und Neid gegenüber dem umjubelten, als Wunderkind gehandelten Felix empfindet sie nie, zu selbstlos und uneigennützig ist ihre Liebe zum kleinen Bruder.