Jonathan Lethem: Chronic City
05.09.2011
Unendlicher Spaß
New York – die Chronic City – zeigt sich zwischen Verschwörungstheorien und Medienmanipulation, zwischen Benefizgalas und Kunstvernissagen, zwischen Dekadenz und Exzentrik. Jonathan Lethem hat zugeschlagen und seiner Lieblingsstadt erneut ein beachtliches literarisches Denkmal errichtet. Von INGEBORG JAISER
Achtung: Dieser Roman kann süchtig machen, kann Visionen, Halluzinationen, Traumbilder erzeugen. Angefangen vom Cover – einer dreidimensionalen Relief-Ansicht des nervös flirrenden, nächtlich erleuchtenden New Yorks – bis hin zum schieren Schwergewicht des ausladenden 500-Seiten-Werks. Ganz zu schweigen von seinem Inhalt.
Die wirr mäandernde Story wird uns dargebracht vom Ich-Erzähler Chase Insteadman, einem ehemaligen Kinderstar, einem »Schauspieler in Ruhestand«, der den Rest seines Lebens von Tantiemen leben kann und von den Engagements als schmückende Dekoration für dubiose Charity-Events und drittklassige Fernsehshows. Ein bisschen abgeklärt und gelangweilt ist dieser Chase, als er zufällig auf Perkus Tooth stößt und sich in seine Umlaufbahn begibt. Perkus Tooth, der schräge, abgehalfterte, ausgemergelte, spindeldürre, entsetzlich schielende Musikkritiker, der sich von schwarzem Kaffee, fetttriefenden Burgern und einer ausgewählten Haschischsorte namens Chronic ernährt, während er pausenlos über drittklassige Independentfilme und seltene Musikmitschnitte und verschrobene Verschwörungstheorien schwadroniert – das alles zwischen Koffeinkicks, Bekifftheit und migräneartigen Anfällen von Cluster-Kopfschmerzen.
Archipel unterschiedlichster Persönlichkeiten
Gemeinsam mit Perkus Tooth und der abenteuerlich produktiven Ghostwriterin Oona Laszlo (die sich auf das Verfassen von Autobiographien traumatisierter Sportler spezialisiert hat) taumelt Chase durch ein dekadentes Manhattan zwischen Ausstellungen, Beerdigungen und Parties, im Blickfeld von Salman Rushdie und Lou Reed, beeindruckt von unwahrscheinlichen Begegnungen, einem »Archipel unterschiedlichster Persönlichkeiten« und verrückten Kunstprojekten (herrlich: ein als Urbaner Fjord titulierter riesiger Graben mitten durch New York, gesäumt von zerbrochenen Crack-Phiolen).
In dieses reichlich surreal anmutende Szenario brechen Nachrichten von Janice Trumbull herein, einer Weltraumforscherin, die manövrierunfähig und mit schwindender Sauerstoffversorgung im All dahindriftet. Auch wenn Chase mit der lasziven Oona herumturtelt – mit der tapferen, herzerweichende Liebesbriefe verfassenden Janice ist er immer noch verlobt. Ganz New York nimmt Anteil an diesem ungewöhnlichen Schicksal. Vielleicht ist das Raumschiff Northern Lights »bloß ein ausgeklügeltes Mausoleum oder ein schwebendes Labor für Experimente mit schwereloser Mumifizierung«?
Literaturzitate und Wortwitz
So abgedreht, paranoid und schräg Chronic City auch daherkommt, man kann sich unmöglich seinem brillanten Charme und seiner vibrierenden Sogkraft entziehen. Mit seinem achten Roman kehrt Jonathan Lethem nach New York zurück, mixt geschickt interkulturelle Bezüge mit gesellschaftspolitischen Anspielungen, Literaturzitate mit Wortschöpfungen (da kursiert ein Roman namens Obstinate Dust, ein dem Heiligen Gral nahekommendes Gefäß namens Kaldron). In einem Spiegelkabinett der Wirklichkeiten kollidiert Norman Mailer mit Wladimir Majakowski, Marlon Brando mit der Muppets Show, David Byrne mit Al Gore. Den visionären Gründern des Tropen-Verlags, Johann Christoph Maass und Michael Zöllner, gebührt eine besondere Auszeichnung für die wortgewaltige, schillernde Übersetzung dieses ausladenden Mammutwerkes.
Und immer wieder scheint David Foster Wallace durch, Lethems ebenso durchgeknallter wie genialer Schriftstellerfreund, der sich 2008 das Leben nahm. Dessen Professur für Creative Writing in Claremont, Kalifornien, hat Lethem bereits übernommen, dessen Hang zu hochkomplexen Romanen ebenso. Und eines kann man Chronic City, diesem schwergewichtigen »Ziegel aus Papier« unbestritten konstatieren: Seine Lektüre ist auf jeden Fall und absolut ein Unendlicher Spaß.

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