Deutsch-russische Kollission
In der Begegnung der beiden Frauen unterschiedlicher Generationen hat Eva Baronsky auch das Zusammentreffen zweier Kulturen integriert: Die deutsche Greisin trifft auf die junge russische Pflegerin, und dabei wird peu à peu auch die deutsch-russische Vergangenheit abgearbeitet. Das so entfachte Täter-Opfer-Rollenspiel mündet in ein erbarmungsloses gegenseitiges Schikanieren. Vorurteile, Halbwahrheiten und üble Ressentiments prägen urplötzlich die Szenerie.
Auch die junge Russin begibt sich auf eine innere Reflexionstour. Sie wird mehr und mehr an ihre »Babka«, die seelisch kranke Großmutter, und an ihre autoritäre Mutter erinnert, von deren düsterem Leben sie sich eigentlich eine Auszeit nehmen wollte. Jelisawetas Heimatstadt Smolensk war einer der ganz blutigen Schauplätze des Zweiten Weltkriegs, auf dem 800 000 russische Soldaten zu Tode kamen – und die »Babka« von deutschen Soldaten vergewaltigt worden ist.
Eva Baronsky erzählt diesen Roman in einer klaren, zupackenden und schnörkellosen Sprache. Das Alter, die wieder aufbrechenden Wunden der Vergangenheit und der unabänderliche körperliche Verfall sind die dominierenden Sujets. »So ist er, der Anfang vom Ende, es hört auf, wie es angefangen hat. Wenn sie bloß nichts mehr davon mitbekäme«, heißt es, als Wilhelmine den Urin in ihrem Bett zu vertuschen versucht. En passant wird in diesem erzählerischen Kammerspiel auch noch die unerfreuliche Entwicklung der Dumpinglöhne im Pflegebereich angerissen. Ein tiefsinniger, bewegender, aber völlig unpathetischer Roman um Schuld und Sühne und das »Schicksal« der späten Geburt. Und mit zwei guten Schauspielern in den Hauptrollen ließe sich daraus zudem noch ein exzellenter abendfüllender Spielfilm arrangieren.
