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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 08:29

Christian Bartel: Zivildienstroman

11.07.2011

Behinderungen

Mit dem Abitur endet ein Lebensabschnitt, der mit einem klar definierten Ziel nämlich. Wem danach die Ziele fehlen, kommt leicht ins Stolpern. Das Leben ist voller Fallen und Hürden. Nicht selten aber steht man sich vor allem selbst im Weg. Christian Bartel bringt in Zivildienstroman seinen Helden fast um den Verstand. Von MAGALI HEISSLER

 

Was kommt nach dem Abschluss der Oberschule? Dem namenlosen Ich-Erzähler dieser Geschichte würde auf diese Frage keine Antwort einfallen. Ihm fällt überhaupt nicht viel ein, handeln ist seine Sache nicht. Reagieren, vor allem auf Anregungen und Reize, die von anderen kommen, liegt ihm eher. Auf diese Weise schliddert er gleich zu Beginn der Geschichte in einen absurden Zweikampf mit einem Klassenkameraden um ein Mädchen, dem gar nichts an unserem Helden liegt, von der Sache mit dem LSD-Päppchen zur Abiturfeier gar nicht erst anzufangen. In die WG mit Tante Matthes und Oma Wittrich schliddert er auch, wobei es sich bei Tante Matthes nicht um eine Tante, sondern um seinen besten Freund handelt. Matthes ist ziemlich energisch und der Erzähler sein hilfloses Opfer.

Auch der Liebe zur schönen Sarah fällt er zum Opfer und damit dem Zivildienst. Sarah arbeitet nämlich mit Behinderten. Mehr weiß er leider nicht über sie, ehe sie ebenso schnell verschwindet, wie sie auftauchte. Aber es scheint klar, dass er sich von nun an gleichfalls um Behinderte kümmern muss, mindestens so lange, bis er Sarah wiedergefunden hat. Doch ein Ziel? Oder nur Einbildung? Zivi-Betreuer in der betreuten Wohnung von Milva, Günther und Käpt’n Horsti zu sein, heißt, auf einem anderen Planeten zu landen. Das ist keine Einbildung, die Folgen spürt man am eigenen Leib.

Herz und Gefühl werden aber auch in Mitleidenschaft gezogen, so manches tut am Ende verflixt weh. Gut, dass man sich ändern kann.

 

Ferne Welten: das moderne Individuum und die Gesellschaft

Christian Bartel lässt seinen Protagonisten durch den Alltag wandern, wie einen Bewohner aus einer anderen Welt. Die andere Welt ist aber der Protagonist selbst, er kreist vornehmlich um sich. Für das, was außerhalb seiner kleinen Laufbahn stattfindet, hat er wenig Interesse. Bei seinen beiden Freunden ist das kaum anders, die Situationen, in die sie dadurch geraten, sind absurd und katastrophengefährdet und eben so beschreibt sie Bartel auch. Das Buch ist aber alles andere als die Aneinanderreihung witziger bis abstrus überspitzter Momentaufnahmen. Im Gegenteil wird ein grundlegend wichtiges Thema, nämlich die Verantwortung des modernen Individuums in der Gesellschaft illustriert und diskutiert. Der »Zivildienst« des Titels ist Programm in mehrerer Hinsicht.

 

Bartel bedient sich gründlich im Bereich der Komödie, von Clownerien über Slapstick, Parodien, Travestien bis zur Satire ist jedes Mittel recht. Er beherrscht sie weitgehend, das Gefühl der Übersättigung, das eine häufige Gefahr bei solchen Darstellungen ist, tritt hier in den seltensten Fällen ein.

 

Das liegt unter anderem daran, dass er seine Figuren sehr lebensecht zeichnet und vor allem, dass er es mit größter Zuneigung tut. Gleich, ob es seine pathologisch autistischen oder seine egozentrischen und damit auf ihre Art autistischen Personen sind – jedem wird ein hohes Maß an Sympathie zuteil. Ehe Leserinnen und Leser es merken, sind sie voll Verständnis noch für die wildesten Handlungen, die jemand vollführt. Die Überraschungen aber liegen nicht in den Absonderlichkeiten, sondern in dem, was sich an Sensibilität, Mitfühlen, Rücksichtnahme offenbart, wenn man nur bereit ist, hinter die Fassaden zu sehen. So gibt es auch ein Happy End, aber es ist natürlich anders als erwartet.

 

Anspielungsreiches Lehrstück in eine zeitgemäße schrille Komödie verpackt, auch für Leser attraktiv und lohnend, die kurze Spanungsbögen vorziehen.

 



 

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