Karl-Heinz Mai / Herbert Günther: Wir Kinder von früher
11.07.2011
Trümmer, Schwarzmarkt und die Freude an den kleinen Dingen
Ende letzten Jahres gab es an dieser Stelle eine Rezension zu Anke Kuhls nostalgisch-pfiffigem Bilderbuch Oma ist echt toll. Jetzt gibt es einen Bildband für Kinder, der in einer gelungenen Kombination von zeitgenössischen Fotos und fiktiven Geschichten Kindheit in der Nachkriegszeit erlebbar macht und Kindern eine Zeit nahe bringt, als ihre Großeltern Kinder waren. Von BEATE MAINKA.
Es war einmal ein Soldat, der kam schwer verwundet aus dem Krieg in seine Heimatstadt Leipzig zurück. Da er keine Beine mehr hatte, aber viel Zeit, fuhr er mit seinem »Selbstfahrer«-Rollstuhl durch die Straßen der Stadt und machte Fotos. Ganz besonders die Kinder hatten es ihm angetan und so hinterließ er der Nachwelt ein anschauliches Vermächtnis über Kindheit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Rede ist von Karl-Heinz Mai (1920 – 1964), der in seinem Leben als Fotograf 25.000 Fotografien machte, die dank seines Sohnes der Nachwelt erhalten geblieben sind. 136 davon sind in diesem bemerkenswerten Bildband zusammengestellt. Die Geschichten dazu hat sich der renommierte Kinderbuchautor Herbert Günther ausgedacht, selbst Kind dieser Zeit (geb. 1947).
Abenteuerliche Zeiten
Wie war das eigentlich damals, als es weder Fernsehen noch Rechner gab, ein Telefon eine Seltenheit war und ein Radio bereits das Tor zur großen Welt bedeutete? Die Städte liegen in Trümmern, die Väter sind häufig abwesend, tot, vermisst oder in Gefangenschaft oder, wie bei der kleinen Annie, durch den Krieg so versehrt, dass sie im Rollstuhl sitzen. Leicht ist diese Kindheit beileibe nicht, manchmal sogar gefährlich, denn die Trümmergrundstücke locken (verbotenerweise) als Abenteuerspielplätze. Die Sammel-Sophie, die dort immer ihr Holz sammelt, wird gar verschüttet und behält Albträume zurück. Ihr Foto ist eines der eindrucksvollsten der Sammlung, sie steht vor den Überresten eines Hauses, in langen Hosen und staubigem Mantel, die Haare offen und zerzaust und hält mit ernstem Blick ihre Beute an sich gedrückt, ein paar Holzlatten.
Die Zeiten sind schlecht, Essen ist kostbar, man sieht es den Kindern auf den Bildern an, schlank bis mager sind sie, übergewichtig ist kein einziges. Die Jungen tragen im Sommer kurze Hosen, die Mädchen Kleider und Röcke und die langen Haare sind brav zu Zöpfen geflochten oder werden mit einem Haarschleifen-Propeller aus dem Gesicht gehalten. Und fast immer halten die Kinder sich draußen auf, meist in altersgemischten Gruppen, was angesichts der beengten Wohnverhältnisse kein Wunder ist.
Geschichten von einem anderen Alltag
Herbert Günther nimmt die Fotos zum Anlass, uns die Geschichte eines Jungen zu erzählen, der in dieser Zeit heranwächst und seine Umgebung aufmerksam beobachtet. Zu vielen Personen weiß er eine Begebenheit oder erklärt, was es mit den Abgebildeten auf sich hat. So entsteht exemplarisch für heutige Kinder das lebendige Bild einer Zeit, die heute fast vorsintflutlich anmutet mit ihren Entbehrungen: Essen auf Lebensmittelmarken, Holzknappheit in den Städten, Alltags- und Sonntagskleidung, kaum Spielsachen. Betrachtet man die Fotos vom Lande, hat man allerdings kaum den Eindruck, als hätten diese Kinder viel entbehrt. Das enge Zusammenleben mit Tieren – ein stolzer Dreikäsehoch mit einem Zicklein auf dem Arm, ein strahlendes Mädchen mit einem Huhn, aber auch die Läuse auf Peterchens Kopf – wird ebenso dokumentiert wie der Streit von Michel und Josef, ob Hunde oder Katzen die besseren Haustiere sind.
Man sieht es den Kindern an, es war für sie etwas ganz besonderes, fotografiert zu werden. Oft strahlen sie in die Kamera – Mai scheint dafür ein Händchen gehabt zu haben – und haben sich richtig herausgeputzt für dieses Ereignis. Dennoch wirken die Bilder nicht steif oder gestellt, harmonieren die Dargestellten mit ihrer Umgebung, bilden mit den Geschichten eine gelungene Einheit. Dieser eindrucksvolle Bildband ist ein wirklich gelungenes Stück Geschichtsschreibung für Jung und Alt, bietet vielfachen Diskussionsstoff und ermuntert zum Nachfragen und Erzählen, generationsübergreifend.

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