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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 08:36

Hugo Hamilton: Der irische Freund

19.09.2011

Unromantisches Irland

In seinem neuen Roman Der irische Freund erschafft Hugo Hamilton ein Irland fernab der grünen Wiesen und blühenden Rhododendren, ganz ohne die legendäre Herzlichkeit der Iren. Das romantische Irland mutiert von einem liebenswerten Gastgeberland zu einem feindseligen Einwanderungsland während der kurzen Periode des wirtschaftlichen Aufschwungs.

Von SVENJA BRUECK

 

Nach schweren Kriegsjahren in Serbien und einem tragischen Autounfall, der seinen Eltern das Leben kostet, zieht es Vid Cosic in die irische Hauptstadt, um die Schrecken der letzten Jahre hinter sich zu lassen; den brutalen Krieg, der bei Vid immer wieder aufflackert, den Tod der Eltern, das Wissen, sein Vater sei bei der Geheimpolizei gewesen und der Autounfall ein Anschlag auf dessen Leben.

 

Der Ich-Erzähler kämpft sich durch das fremde Land, die fremde Kultur, die fremde Sprache und ist auf der Suche nach Anerkennung und Freundschaft. Sein Blick von außen auf seine neue Heimat und deren Einwohner ist ein Blick ohne rosarote Brille. Die verklärte Welt der Auswanderer wird im Einwanderungsland schnell zu einer nüchternen und sozialgesellschaftlich schwierigen Existenz.

Resigniert stellt Vid gleich zu Beginn des Buches klar, die Iren seien ein komisches Volk, insbesondere wenn es um Freundschaft gehe, und scheitert kläglich an der Bedeutsamkeit einer Freundschaft in Irland. Dennoch versucht er nichts anderes, als einen Freund zu finden und sich dazugehörig zu fühlen.

 

Sehnsucht nach Anerkennung

Sein Versuch, sich in Irland zu integrieren, misslingt. Er saugt buchstäblich jedwede Redewendung auf, ahmt Gesten und Mimiken nach; »dann wurde mir bewusst, dass die meisten Angestellten Immigranten wie ich waren; sie machten vermutlich alles so, wie es hier üblich war, und stellten keine Fragen«. Eine Schlüsselszene. Sie gibt den Rhythmus des Romans vor. Vid spricht ein gutes Englisch, allein er beherrscht die Sprache nicht, er erarbeitet sich die irische Geschichte, findet aber keinen Bezug dazu, er versucht die fremde Kultur anzunehmen, die nicht die seinige und die seines Landes ist und dieser Zugang bleibt ihm ebenfalls verwehrt.

 

So sehr er sich bemüht in der irischen Gesellschaft anzukommen, er bleibt immer der Ausländer, »ein Polackenschwein«. Die Iren machen sich nicht einmal die Mühe, zwischen Polen und Serbien zu unterscheiden und so gerät er ins Abseits des Lebens, macht sich auf die Suche nach denen, die noch weiter unten angekommen sind. »Inzwischen waren die Drogensüchtigen die wahren Exilanten. (…) Sie lebten wie eine fremde Ethnie mitten in der Gesellschaft, mit ihren eigenen Sitten und Ritualen.« Lauter könnte ein Hilferuf nach Anerkennung nicht sein.

 

Vid arbeitet in den verschiedensten Jobs, die gerne von Immigranten übernommen werden, und lernt eines Tages den Anwalt Kevin Concannon kennen, der sich als herrschsüchtig und rücksichtslos herausstellt. Kevin freundet sich mit Vid an, gewährt ihm einen Einblick in das irische Familienleben. Eines Tages geraten beide in eine Rauferei und Kevin schlägt einen der Angreifer brutal zusammen. Ohne sich um das Opfer zu kümmern, fliehen sie, und Kevin setzt Vid unter Freundschaftsbezeugungen unter Druck, ihn nicht zu verraten.

 

Als Vid angeklagt wird, verrät er seinen neuen Gefährten nicht, zu wichtig ist ihm die neugewonnene Freundschaft. Kevin erwirkt einen Freispruch und von nun an bahnt sich zwischen ihnen ein sonderbares Band der Kameradschaft an, bestehend aus dem Verhältnis von Delinquent und Sündenbock. Als Dank, dass Vid seinen Kopf hingehalten hat, verschafft Kevin ihm einen Auftrag als Bautischler im Haus seiner Mutter.

 

Trotz dieser neu gefundenen Freundschaft bleibt Vid verschlossen, gibt nichts aus seinem früheren Leben preis und flüchtet sich in Erinnerungslücken. Ihm aber bleiben die Abgründe in der Familie Concannon nicht verborgen. Kevins Mutter leidet an Brustkrebs, Kevins verhasster Vater taucht nach Jahren der Abwesenheit plötzlich wieder auf, die minderjährige Schwester ist drogenabhängig und schwanger.

 

Hinzu kommt noch eine Legende um eine ertrunkene Frau, die mit der Familie in Verbindung steht. Eine geballte Ladung an Themen, gebündelt in einem einzigen Roman, der schnell an Glaubwürdigkeit verliert und dem es an Kontinuität und Stringenz fehlt. Ebenso bleibt der Protagonist Vid ohne Entwicklungspotential auf seinem Beobachtungsposten. Zum Schluss muss auch er erkennen: »Ich blieb sozusagen ein Mensch aus zweiter Hand.«

 

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