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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 08:37

Terhi Rannela: Blown away

22.08.2011

Ursachenforschung in Sachen Gewaltbereitschaft

Manchmal wird die Aktualität von Büchern von der Wirklichkeit noch überholt und gesteigert. Das exemplarische Jugendbuch der Finnin Terhi Rannela über die Geschichte einer jungen Frau, die zur Amokläuferin wird, erhält durch die schrecklichen Ereignisse in Norwegen verstörende Bedeutsamkeit. Von BEATE MAINKA

 

Eigentlich ist Aura ein ganz normales Mädchen, ein wenig altklug vielleicht mit ihren 11 Jahren. Der Vater ist Geschichtsprofessor und die Mutter forscht über die RAF in der Bundesrepublik und speziell die Rolle der Ulrike Meinhof. Dann stirbt die Mutter bei einem Autounfall, der Vater überlebt schwer verletzt, nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Einzig die ebenfalls um ihre Tochter trauernden Großeltern bewahren das Mädchen vor der völligen Verwahrlosung und Vereinsamung. Mit dem Eintritt in eine neue Schule beginnt für Aura eine Zeit der Qualen, denn sie wird von zwei Mitschülerinnen bis aufs Äußerste gemobbt. Niemand hilft ihr, die Lehrer sehen weg, die Großeltern sind hilflos, der Vater ist überfordert.

 

So vereinsamt sie immer mehr, was sie unter anderem durch brillante Schulleistungen kompensiert. Zudem gewinnt die Figur der Ulrike Meinhof immer mehr Bedeutung in ihrem Leben, je älter sie wird. Sie schreibt über sie, recherchiert, nervt ihre Lehrer mit dem Thema, identifiziert sich mit dem Gedankengut der brillanten Journalistin. Bei einer Lesung zum Thema begegnet sie Henri, da ist sie 17, der in den Tag hinein lebende Mann bereits 30. Aura verliebt sich zum ersten Mal in ihrem Leben und vertraut Henri, den sie bald Andreas wie Andreas Baader nennt. Und Andreas entwirft einen Plan: Er formt das junge Mädchen, beeinflusst sie immer mehr und benutzt sie für seine Zwecke. Wird Aura tatsächlich zur Selbstmordattentäterin?

 

Was kann ein Kind ertragen?

Einen Einblick in ihre Seele gewährt das Mädchen nach deren Tod nur der Mutter, der sie Briefe schreibt, in denen sie schonungslos von sich berichtet und die ganze Bandbreite ihrer Gefühle offenbaren kann. Und sie schockiert uns Leser, als sie unter anderem die Katze einer ihrer Peinigerinnen aus Rache tötet. Das traut ihr niemand zu - und so bleiben ihre Racheakte unentdeckt. Doch bei uns Lesern steckt sie schon in einer Schublade namens Gewaltbereitschaft. Und ihre weitere Entwicklung, insbesondere ihre Besessenheit für die Person der Ulrike Meinhof, deutet in diese Richtung. Doch erst der ältere Liebhaber instrumentalisiert dies, missbraucht Auras Vertrauen, ihre blinde Liebe für ein schreckliches Experiment. Und es scheint, als habe das Mädchen keine Wahl mehr. Wirklich nicht?

 

Rannela erzählt Auras Geschichte nicht nur aus deren Sicht, sie wechselt ständig die Perspektiven und lässt andere Bezugspersonen von außen auf das Mädchen blicken. Der überforderte Vater, die Großmutter, Lehrer, insbesondere eine, die Aura mit ihrer Zuneigung beinahe stalkt, bis sie energisch und wieder einmal zurückgewiesen wird. Selbst Henris Perspektive wird beleuchtet. Das entstandene Bild des Mädchens wird zunehmend vielschichtiger, vom Leser vorgefasste Meinungen geraten ins Wanken, immer wieder muss er diese neu einordnen, überdenken. Das – so viel darf verraten werden – offene Ende ist logische Konsequenz.

 

Exemplarisches Handeln

Zugegeben, einiges am Buch der Finnin ist arg plakativ geraten, da bedient sie sich althergebrachter Klischees. Doch das macht sie mehr als wett durch ihre klare, ausdrucksvolle, knappe Sprache, die mitunter von großer Literatur nicht mehr weit entfernt ist.

 

Jugendliche brauchen Leitlinien, müssen sich orientieren, die Welt auch und gerade in ihrer Schrecklichkeit begreifen lernen. Ereignisse wie jüngst in Norwegen werfen immer auch die Frage nach dem Warum auf, Bücher wie dieses können vielleicht helfen zu verstehen. Denn hinter jedem Opfer und hinter jedem Täter steht ein Mensch, der eine Wahl hat. Aura ist beides, Opfer und Täter, für eine Seite muss sie sich entscheiden.

 

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