»Weißt du eigentlich, wie radikal Charlotte Roches Literatur ist?«, fragte mich einmal der Roche-Verleger Marcel Hartges in einer Mail. Ich muss sagen, ich weiß es nicht. Auch nicht nach der an Selbstverstümmelung grenzenden Lektüre von Schoßgebete. Sicher, die literarisch verbrämte Reise von Körperöffnung zu Körperöffnung geht weiter. Die Jagd nach Unappetitlichkeiten führt die Autorin diesmal sogar in ihren eigenen von Würmern bevölkerten Stuhlgang. Das ist in der Tat radikal.
Noch radikaler vielleicht sind die vielen wohlwollenden und distanzlosen Rezeptionen der Mietschreiberinnen des Feuilletons. Man möchte ausrufen: Eine junge, emanzipierte Generation von Flakhelferinnen kann nicht irren! Selbst Thomas Steinfeld von der Süddeutschen, scheint vergessen zu haben, dass er eine ganz dünne Wortsuppe nach literarischen Kriterien rezensiert, also so tut, als gäbe es hier Substanz zu entdecken. Die Quintessenz des Romans sei, »das Glück liege zwischen den Beinen«. Halleluja. Das ist also die ebenso radikale wie weltbewegende Nachricht, die vor allem Steinfelds beschämendes Manko an Allgemeinbildung offenbart. »Hier wohnt das Glück«, so lautete schon eine Bordellinschrift in Pompeji. Ein Weilchen her. Und wurde das nicht längst widerlegt? Literarisch und biologisch? Hat Steinfeld, der sonst so spitzfindig austeilt, nie George Bataille oder Henry Miller gelesen? Selbst der theoretische Überbau von Michel Houllebeques Plattform wurde von Roche aufs Gröbste verwurstet, wie kann man das übersehen? Vielleicht aus Angst vor den bestens vernetzten Power-Emanzen, die auch an seinem Stuhl sägen?
Zugegeben, die gelernte VIVA-Moderatorin geht geschickter als Helene Hegemann vor, doch die Art, wie hier zusammengeklaubt wird, ist dieselbe. Und bestohlen wurde kein Blogger, sondern die Literatur. Erneut wird deutlich, dass im deutschen Literaturbetrieb zweierlei Maßstäbe angelegt werden: Wer zum Kanon der linksfeudalen Kulturhegemonie zählt, bekommt von selbstredend Carte Blanche.
Der senile, von Identitätskrisen gebeutelte SPIEGEL hat Roche gerade eine Strecke von fünf Seiten gewidmet. Was gefeiert wird, ist das dauer-destruktive Anspruchsverhalten einer Feministin gegenüber den als obszön dekuvrierten Männern. Diese Botschaft passt natürlich exakt auf die literaturpolitische Agenda des Blatts. Dass Roche wie eine Klippschülerin schreibt, und dass es nicht angehen kann, mit dem Vokabular einer geistig unterbelichteten Nutte die menschliche Existenz und die Welt zu erklären, fällt niemandem auf. Damit der Abverkauf stimmt, werden die potentiellen Leser/innen sogar durch falsche Inhaltsangaben gelockt. Nur ein Beispiel: Die Kritikerin Verena Aufermann verstieg sich zu der Behauptung Roches reaktionäres Garn »handele von der Anstrengung ein Ehe- und Familienleben in unserer Zeit hinzubekommen«. Klingt gut, ist aber Bullshit, und wäre das erste Mal, dass sich aus der Befriedigung voyeuristischer Interessen ein Rettungspaket für Problem-Ehen schneidern ließe!