Ein unerklärliches Land
In einem flüssigen Stil erzählt Sergio Alvarez vom Leben eines namenlosen Ich-Erzählers während jener Jahre, die vor allem vom Drogenkrieg des Medellin-Kartells, politischer Korruption und dem Krieg zwischen rechter und linker Guerilla bestimmt sind. Nach dem Tod seines Vaters wird der Ich-Erzähler von seiner Tante adoptiert, verbringt mit ihr einige Monate in einer kommunistischen Kommune, schließt sich dann einer Bande von Ganoven an, beginnt, nachdem er diese verlassen hat, an der Universität zu studieren und muss bald darauf wegen seiner früher begangenen Delikte nach Paris fliehen, von wo aus er wieder nach Kolumbien zurückkehrt, um sich dem Militär anzuschließen. Nach einem Überfall auf den Justizpalast in Bogotá wird er entlassen, da er sich weigert, Befehle auszuführen. Sein Weg führt ihn in einen hinduistischen Ashram, wo er eine spirituelle Wandlung durchlebt, die allerdings nur von kurzer Dauer ist. Ein blutiger Überfall auf den Ashram zwingt ihn, erneut zu fliehen, dieses Mal nach Bogotá. Dort gründet er mit Camila, einer Mulattin, eine Familie, die er wegen seines Verhältnisses mit ihrer Schwester Natalia alsbald wieder verliert. Er landet bei dem Puppenspieler Don Jacinto Jaramillo, später im Gefängnis und anschließend dank seines Cousins Quique bei den Paramilitärs. Dort ist ihm ebenfalls kein Glück beschieden: er erhält den Auftrag, seinen einstigen Weggefährten, den Gewerkschafter Memo, zu töten. Wieder verweigert er den Gehorsam und flieht nach Madrid, wo er , so sieht es die Dramaturgie des Romans vor, alleine und mittellos zurückbleibt.
Man könnte fast meinen, hier handle es sich um einen Abenteuer- oder Schelmenroman, so zufällig fügen sich die Stationen seines Lebens ineinander, wären da nicht die Geschehnisse: Gewalt, Tod und der Drogenkrieg gehören zu den Hauptmotiven der Handlung und es gibt kaum ein Kapitel, in dem diese nicht vorkommen, weshalb die Lektüre von "35 Tote" zuweilen etwas mühsam ist.
Drogenhändler, linke und rechte Guerilleros, Politiker, Geschäftsleute und Studenten sind in diesen vermeintlich ausweglosen Kreislauf verstrickt, in dem Solidarität und Loyalität eine eher untergeordnete Rolle spielen. Es scheint, als ginge es Sergio Alvarez vor allem um die Darstellung eines Makrokosmos , der für ihn, so könnte man es interpretieren, den Zustand der kolumbianischen Gesellschaft und Politik widerspiegelt. Und dies fast ausnahmslos. Wie könnte man sich sonst erklären, dass er ein Thema, das sich eigentlich besser für eine Reportage oder einen Bericht eignet, auf diese Art und Weise literarisch verarbeitet? Dennoch muss man dem Autor zugute halten, dass er sich bei den Schilderungen der politischen Zustände auf die Seite der Entrechteten stellt. Die Härten der Drogenmafia, Politiker und Militärs, die willkürlich Menschen töten, beschreibt er in den schillerndsten Farben und lässt seine Helden für eine soziale Utopie, versinnbildlicht an der Entmachtung der Reichen und Mächtigen, plädieren. Zuversichtlicher stimmen auch die Episoden des Ich-Erzählers aus seiner Zeit als Student, Puppenspieler und Mitglied der Kommunistenbewegung MOREI. „Dass vieles in Kolumbien unerklärlich ist , wird oft zum Vorwand genommen, um nicht darüber zu berichten. Es kann sein, dass manche Dinge unerklärlich sind, aber man kann über sie berichten“ begründete Sergio Alvarez unlängst seine Entscheidung, diesen Roman zu schreiben. Das hat er nun getan.
