Nick Burd: Die Wonnen der Gewöhnlichkeit
26.09.2011
Die Gefahr, dem Leben verloren zu gehen
Jung, männlich, schwul und das in einer typischen US-amerikanischen Neubausiedlung im typischen US-amerikanischen Mittleren Westen. Kennt man die Stichworte? Klar. Gibt es dazu noch etwas zu sagen? Nein, ist man versucht zu antworten. Damit würde einem aber wirklich etwas entgehen. Der junge Autor Nick Burd mag nicht unbedingt das Ausnahmetalent sein, als das ihn die zu sinnlosen Superlativen neigende Presse in den USA abfeierte, aber mit seinem Erstling Die Wonnen der Gewöhnlichkeit hat er tatsächlich weitgehend Außerordentliches geleistet, findet MAGALI HEISSLER.
Dade Hamilton ist achtzehn Jahre alt. Für ihn bedeutet das nur, dass er das Ende der Highschool erreicht hat und am Ende der Sommerferien ins College überwechseln wird. Das tun alle seine Klassenkameradinnen und Klassenkameraden, schließlich haben das ihre Eltern schon getan. Dades Eltern haben auch immer schon für ihn geplant, erst ein eher hippiemäßiges Leben auf dem Land, dann ein schickes Leben in der Neubausiedlung, einschließlich Aushilfsjob im Supermarkt und regelmäßigen ›Männeressen‹ mit Papa im Country Club. Dade ist es gewöhnt, dass andere für ihn handeln. Er lässt sich treiben, beobachtet nur noch und auch das nur mit halbgeschlossenen Augen. Diese Haltung aber birgt ungeahnte Schrecken. Zum einen sieht er dabei zu, wie sich seine Eltern immer weiter von dem, was sie sich einmal gewünscht haben, entfernen, zugunsten eines nur noch nach den künstlichen Bedürfnissen einer ferngesteuerten Konsumwelt ausgerichteten Lebensstils. Zum anderen findet er nirgendwo Halt für sein ureigenes Problem, der Erkenntnis, dass er schwul ist. Seine Homosexualität und seine Ziellosigkeit treiben ihn in die Arme von Pablo, einem Mitschüler. Pablo fühlt sich ebenfalls zu Männern hingezogen, leugnet und verdrängt es aber. Seine Wut und seine Abneigung bekommt Dade zu spüren, als Objekt körperlichen Begehrens wie als Prügelknabe, wenn er Pablo zu anderen Zeiten als den gestohlenen Momenten geheimer Intimität nahekommt.
Dann trifft Dade Alex, verführerisch und kriminell. Und Lucy, die Nichte der Nachbarin, die von ihren Eltern aus Los Angeles aufs Land verbannt wurde, weil sie sich unmöglich benimmt. Lucy ist lesbisch und macht auch keinen Hehl daraus. Zwischen Masochismus und wahrer Liebe, ohne Vorbilder und sichere Wegweiser muss Dade sich einen Pfad in ein Leben bahnen, das frei und doch nicht unsozial, individuell und doch nicht egoistisch ist. Oder er muss verlorengehen in der Leere der modernen Gesellschaft.
In der Hitze der Tage
Die Wonnen der Gewöhnlichkeit ist kein schlechter Titel für diesen Roman, leidet der Protagonist doch an den Gesetzmäßigkeiten der bürgerlichen Gesellschaft, strebt nach Anerkennung und einem Dasein als Schriftsteller. Wer jedoch einen zeitgenössischen Tonio Kröger finden möchte, wird hier enttäuscht. Nick Burd geht es um etwas Anderes. Seine Geschichte spielt in den heißer werdenden Sommerwochen, Tage, in denen Zeit keine Rolle zu spielen scheint, weil sie ineinanderfließen. Dabei passiert viel. Hinter den oberflächlichen Partys, die die Jugendlichen schon fast reflexhaft absolvieren, verbergen sich Lebensmomente junger Menschen, die sie im Übermaß zu vergeuden scheinen in dem Bestreben, sich lebendig zu zeigen. Eigene Ziele, Vorstellungen, selbst Wünsche gibt es keine über die hinaus, die der raschen Paarbildung, einem vage gedachten College-Aufenthalt und einer noch vageren Vorstellung eines irgendwann eintretenden Erwachsenenlebens mit einem möglichst hoch bezahlten Beruf gelten. Alkohol und Drogen werden in Mengen konsumiert, ohne jede Ausrede – etwa, dass man sich die Welt schön träumen will – sondern nur, weil sie als Konsumgut vorhanden sind. Alle leiden, Jugendliche wie Erwachsene, aber sie haben sich nichts mitzuteilen und schon gar nichts mitzugeben. Die Generationen sind voneinander abgegrenzt, außer Geld und Waren scheinen sie nichts mehr geben zu können. Man driftet miteinander in einem weiten Raum, aneinander vorbei. Die Welt ist seltsam leer. Man verliert die anderen und sich selbst in dieser scheinbaren Unendlichkeit, in den Vast fields des Originaltitels.
Das Ende der Selbstbezogenheit
Dades Bemühungen, Bodenhaftung zu gewinnen, sind schmerzhaft und nicht möglich, ohne Schuld auf sich zu laden. Es gibt keine Unschuldigen in dieser Gesellschaft. Wer sich treiben lässt oder vom Konsum einlullen, ist gleichfalls Täterin oder Täter. Andere leiden immer mit. Trotzdem ist der Rückzug auf sich selbst nach Burd keine Lösung. Seine Lucy, die energische Jung-Lesbe, wird zu Dades Befreierin, mehr noch als Alex, seine neue Liebe. Gefühle mitteilen und teilen ist wesentlich für ein Leben, das diesen Namen verdient. Burd übermittelt diese Botschaft in innigen Naturschilderungen, die in der Plastikwelt der gehobenen Mittelschicht geradezu erhaben archaisch scheinen. Dass sie trotzdem echt wirken, ist große Schreib- und Erzählkunst. Eingewoben in die Geschichte von Dades Erwachsenwerden ist die rätselhafte Geschichte vom Verschwinden eines autistischen kleinen Mädchens, das gespenstergleich immer wieder auftaucht, ohne dass man es greifen könnte, ein wunderbar ausgedachtes Bild, das die herrschende Selbstbezogenheit ebenso wie die Gefahr, verloren zu gehen, erschreckend illustriert.
Das Ende ist ein Ende mit Schrecken. Trotzdem ist Burds Botschaft eine Botschaft der Hoffnung. Seinem Helden gelingt es, seine Individualität zu behaupten, zu seiner Homosexualität zu stehen und zugleich offen für andere zu sein. In der Anerkennung der eigenen Besonderheit findet Dade die wesentliche Unterstützung, auch die Wünsche anderer zu erkennen und selbst dann zu achten, wenn diese ihn von geliebten Menschen wegtreiben. Das Leben ist zu wichtig, um sich von ihm forttreiben zu lassen. Sich selbst verlieren, gleich, ob in ökonomischer Sicherheit oder in jugendlicher Unsicherheit, bedeutet, gar kein Leben zu haben. Das ist Burds Botschaft nicht nur für Jugendliche.

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