Der lange Arm der Stasi
Zugegeben, bei manchen Szenen wähnt man sich in einem James-Bond-Film aus den Zeiten des kalten Krieges, so unglaublich brutal oder auch verblendet agieren die Personen des Romans. Doch Manfred Theisen hat sich das alles nicht einfach nur ausgedacht, die Handlung fußt auf den Berichten eines Top-Agenten der DDR, den Theisen 2001 kennenlernte (s. auch Interview). Und so gebührt diesem Buch besondere Beachtung, denn es bringt einer jungen Generation eine Zeit nahe, die uns Älteren noch durchaus präsent ist, für sie aber bereits deutsche Vergangenheit ist. Theisen greift damit ein Thema auf, das im Jugendbuch bisher noch kaum Beachtung fand. Die Wende, das Leben in der ehemaligen DDR, das schwierige Ost-West-Verhältnis, all das fand bereits Niederschlag in der Jugendliteratur, aber die Infiltrierung der BRD durch die Stasi ist hier neu. Und Theisen führt seine Leser ganz nah heran an das Thema, denn er lässt seine Hauptperson in direkten Kontakt zur Stasi treten, wenn auch unbeabsichtigt. Die Verführbarkeit durch Geld und Macht wird nachvollziehbar, aber auch die Brutalität und Verblendung, mit der ihre Handlanger zu Werke gingen. Und dabei bedienten sie sich wirklich aller Mittel, selbst der eigenen Familie.
So unglaublich dies heute klingt, Theisen tischt keine Märchen auf. Der Typ Schriftsteller ist er nicht, sorgfältige Recherche gehört für ihn zum guten Autorenhandwerk. So dürfen wir ihm getrost glauben, was er uns da erzählt. Und hoffen, dass unsere Kinder die richtigen Schlüsse aus der Geschichte von Mark, seinem Onkel und dem Traum vom schnell verdienten Geld ziehen. Das Thema Stasi-Vergangenheitsbewältigung ist im Jugendbuch angekommen, wir brauchen mehr davon!
