Annette Mierswa: Samsons Reise
24.10.2011
Innig, mit Gefühl
Wenn der beste Freund eines Jungen sein Hund ist, ist das nur auf den ersten Blick süß. Tatsächlich ist eine solche Verbindung ein Indikator dafür, dass es mit dem diesem Kind nicht zum Besten steht. Das kann auch zutreffen, wenn es dem Kind nach außen hin gut geht. Wenn dieser beste Freund plötzlich vom Tod bedroht ist, zeigt es sich, wie dünn Fassaden wirklich sind. In ihrem zweiten Buch für etwas ältere Kinder, Samsons Reise, verknüpft Annette Mierswa ein zurückliegendes Familientrauma mit der grundsätzlichen Frage nach dem Sterben. Von MAGALI HEISSLER
Mats und Samson sind unzertrennlich, glaubt Mats. Dann aber wird Samson krank. So schwer, dass er sterben muss. Das akzeptiert Mats nicht. Mit der ganzen Dickköpfigkeit seiner zehn Jahre stellt er sich gegen das Urteil des Tierarztes und seiner Mutter Eva. Er wird Samson retten. Hilfe soll der Großvater bringen, der weit entfernt von Hamburg in einem Dorf bei Frankfurt/Main lebt. Da Samson das Wichtigste ist, fackelt Mats nicht lange und zieht los. Die Reise mit dem Zug ist nicht einfach, umso weniger, als Mats keine Fahrkarte hat. Der kranke Samson macht das Unternehmen nicht einfacher. Aber Mats gelingt mit viel Glück, Einfallsreichtum und schierer Halsstarrigkeit das fast Unmögliche, er landet sicher beim Großvater. Großvater ist ein Erfinder, exzentrisch, sagen die Leute, gefährlich die Kinder vor Ort. Mats setzt alle Hoffnung auf Großvater, Samson retten zu können.
Für diese Art von Wunder ist sein Großvater aber nicht zuständig. Was er aber erreicht, ist, dass Mats eine neue Sicht auf Sterben und Tod bekommt. Mats aber ist nicht der Einzige, der seine Weltsicht verändern muss. Auch der Großvater und Mats Mutter müssen sich dem stellen, was das grundlegende Problem der kleinen Familie ist, der Unfalltod von Mats Vater.
Alte Traumata
Das Thema dieses Kinderbuchs ist weit überraschender, als es nach dem Lesen des Klappentexts den Eindruck macht. Was als eine Mischung aus Bewältigung des Tods eines innig geliebten Haustiers vermischt mit einer Selbstbewusstsein vermittelnden Abenteuergeschichte angekündigt wird, entpuppt sich schnell als Geschichte einer Familientragödie. Der Tod von Mats Vater hat die Familie auseinandergetrieben. Eva und ihr Sohn leben in Hamburg, der Großvater nicht nur weit weg von ihnen, sie haben auch kaum Kontakt. Eva möchte diese Vergangenheit vergessen. Für Mats ist die Sache aber nicht abgeschlossen und so ist seine Reise mit Samson tatsächlich auch eine Art Pilgerreise in die Vergangenheit.
Der Großvater ist skurril, zugleich aber bodenständig genug, um niemanden zu erschrecken. Angesichts des schwierigen Themas sicher eine gute Entscheidung. Die verrückten Erfindungen, die Mierswa geradezu lustvoll beschreibt, begeistern nicht nur kindliche Leserinnen und Leser. Das Gleiche gilt für das Leben in Großvaters Hüttenhaus am Waldrand. Welches Kind träumte nicht vom Umherstreifen im Wald, von hohlen Bäumen und Baumhäusern, von einfach zusammengebruzzelten Mahlzeiten und überhaupt dem zeitweisen Vernachlässigen geregelter Abläufe. Das Thema ›Tod und Sterben‹ wird dabei nie außer Acht gelassen, ein Plus der Geschichte.
Fantastereien als Trost
Was außer Acht gelassen wird, ist die Realität. Mats wird auf seine Verstöße gegen bestimmte Regeln, etwa Schwarzfahren oder auch etwas wegnehmen ohne Erlaubnis, nie aufmerksam gemacht. Im Gegenteil – in Krisenzeiten scheint alles erlaubt zu sein. Der Aufenthalt beim Großvater wird rasch eine Reise ins Fantastische. Dazu kommt eine immer süßlicher werdende Vorstellung von Naturnähe und Gut sein an sich, die sich mit der immer wackeliger werdenden Handlungslogik verwickelt. Evas Verhalten ist alles andere als verständlich. Der Schlenker zum Umweltschutz hin bläht das Thema unnötig auf. Die zehnjährige Merle als Kämpferin für die Natur und die lieben Tierlein reiht sich leider in die Reihe der kindlichen Lichtgestalten aus der Tendenzliteratur des 19. Jahrhunderts ein, Frömmigkeit verkündend. Mit der Parole ›Esst weniger Fleisch‹ ist kein Staat zu machen. Ihre Apfelkuchen backende und weibliche Weisheit verströmende Großmutter ist nicht viel besser, deren Umweltaktivismus bleibt papiern. Vor allem gegen Ende entsteht der Eindruck, dass die Autorin, einmal ins Erzählen gekommen, keinen Haltepunkt mehr findet, sondern munter drauflos fabuliert. Uneinheitlichkeit regiert. Die Totenwache für Samson ist eine mutige Szene für ein Kinderbuch, selbst wenn sie eher süßlich präsentiert wird. Noch mutiger ist die Beschreibung von Samsons Sterben, das sind wirklich neue Schritte. Unseligerweise wird das umgehend konterkariert durch ein großzügiges Geldgeschenk des Großvaters. Es ist unverständlich, was sich Autorin und Verlag dabei gedacht haben. Geld versüßt die böse Welt? Das Ende ist dementsprechend Gänsehaut erzeugend zuckrig.
Das Buch hat einige gute Ansätze zum Thema Sterben und Tod, insgesamt aber bleibt eher der Eindruck einer sentimental-kitschigen Geschichte zurück. Für Leserinnen und Leser, die haltlose Träumereien lieben.

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