Chancen verpasst
Die Geschichte klingt so hübsch und wäre perfekt – hätten nicht alle lesebegeisterten Eltern und Kinder sie längst gelesen: Emmi will ausziehen liest sich über weite Strecken wie Lotta zieht um von Astrid Lindgren. Nun können aktualisierte Remakes tatsächlich erfrischende Blickweisen auf Altbekanntes eröffnen, aber hier sind die Ähnlichkeiten zu banal: der schlechte Traum, die verhassten Kleidungsstücke, die zerschnitten werden, der Umzug ins Gartenhäuschen, der Abschied von den Eltern, es ist alles haargenau wie bei Astrid Lindgren, nur ohne deren Genialität. Die Geschichte weist immer wieder Gedankensprünge auf – in ein Bilderbuch passt schließlich weniger als in eine Erzählung - die den Lesefluss lästigerweise beeinträchtigen und Erklärungen erfordern.
Anna Anastasova hat Elisabeth Vera Rathenböcks Geschichte dafür hübsch illustriert, einer der wenigen Vorteile, gerade wenn man kleineren Kindern vorliest und von Lindgren nur eine Gesamtausgabe besitzt. Die meist doppelseitig gehaltenen Illustrationen erzählen von der Geschichte oft mehr als das Geschriebene und halten sich trotzdem nicht mit überflüssigen Details auf. Ein Blick auf die Gesichter und Körperhaltungen beweist auch, dass Anastasova sich längst einen eigenen Stil zugelegt hat, dessen Stempel sie dem Ganzen aufdrücken will.
Dadurch bleibt Emmi will ausziehen ein nettes Kinderbuch, dessen hauptsächlicher – und leider grundlegender – Makel die Tatsache ist, dass ausgerechnet eine der wichtigsten Kinderbuchautorinnen der Welt es vor vielen Jahrzehnten schon geschrieben hat.
