Der aus Damaskus kommt
Diese und viele andere Erzählungen sind so erfrischend überraschend, so tief berührend, wie es ein deutscher Geschichtenerzähler kaum vermitteln könnte. Schami beschreibt hier eingehend anhand der Erlebnisse seine Gefühle während und nach der Imigration, zeigt uns, was wir sonst nicht vermittelt bekommen. »Ich habe vor meiner Auswanderung nie gedacht, dass ich etwas in mir trage, was je nach Blickwinkel als ›Geschenk‹ oder als ›Strafe‹ der Wüste betrachtet werden kann. Ich lebte unter meinesgleichen, und alle Araber tragen diese Kultur in sich, ohne darüber nachzudenken.«
Gravierende Unterschiede zeigt Schami bei den Gepflogen- und Ungepflogenheiten arabischer und deutscher Gastgeber und Gäste: Der Deutschen liebstes Mitbringsel, der Nudelsalat, ist Schami bis heute verhasst, und wieso jemand, der eingeladen ist, überhaupt etwas mitbringt, bleibt ihm weiterhin ein Rätsel. Schon fast erschreckend ist dagegen die dargestellte Einstellung des arabischen Gastgebers, der weder eine Magenverstimmung, Sattheit oder ein einfaches Lob des Gastes gelten lässt – der Gast wird mit »an Körperverletzung grenzende Erpressung« zum Hungern vor der Einladung, und zur Mast beim Speisen verdonnert. Na dann: Bon Appetit!
Kaum hinterher kam ich beim Lesen emotional, denn fand ich in der einen Erzählung noch eine Liebeserklärung vor, von einem auf den anderen Satz begreifend, dass sie einer Toten gilt, ein starker emotionaler Schwenker »von Hü nach Hott«, so erzählt Schami in der nächsten Geschichte von einem Mann, den eine Fliege anspricht, die wahre transzendierende Fähigkeiten besitzt. Ich las diese Erzählung mehrmals, aus Stutzen wurde Schmunzeln, aus Schmunzeln eine traurige Erkenntnis.
Neben faszinierenden Vergleichen der erwähnten Kulturkreise gab es die ein oder andere Stelle, die ich mit offenem Mund verfolgte, einfach nicht damit rechnend, wie vielfältig Schamis Schreibstil, wie detailliert sein Blick, wie brilliant sein Humor, seine Intelligenz in seinen Worten reflektiert werden.
Rafik Schami, übrigens ein Pseudonym, das übersetzt »Damaszener Freund« oder »Der aus Damaskus kommt« bedeutet, lebt seit vierzig Jahren in Deutschland und beschenkt, obwohl er promovierter Chemiker ist, seit vielen Jahren seinen immer zahlreicher werdenden Lesern Märchen, Kinderbücher, Erzählungen, Romane, allesamt hoch geachtet in Kritikerkreisen, und immer wieder Lesungen, bei denen er, dem kulturellen Stil seiner Heimat folgend, eher erzählt, als liest.
Es lohnt sich also über den mit Nudelsalat behäuften eigenen Tellerrand zu blicken – am besten mit diesem Buch!