Das kleine Erzgebirgsstädtchen Jáchymov (dt. Joachimsthal) war das älteste Radiumsolheilbad der Welt, ein Kurort mit durchaus mondänem Flair. Und vor den Toren des Ortes gab es alte Bergwerke, in denen zunächst die Nationalsozialisten durch russische Kriegsgefangene Uran abbauen ließen. Nach Kriegsende mussten deutsche Gefangene die gefährliche Arbeit in den Stollen verrichten, später schickten die tschechischen Kommunisten politisch missliebige Landsleute in die Lager nach Jáchymov, wo sie das radioaktive Uranerz mit den bloßen Händen schaufeln mussten.
Einer dieser politischen Gefangenen der frühen Nachkriegszeit war der Eishockeystar Bohumil Modry, der als Torwart zweimal Weltmeister mit der tschechischen Mannschaft geworden war, dann übel denunziert und 1950 wegen »Kontaktnahme mit einer fremden Macht« zu 15 Jahren Haft verurteilt worden war.
Der 56-jährige Schriftsteller Josef Haslinger, der mit Opernball (1995) und Vaterspiel (2000) zwei wirklich bedeutende Romane der jüngeren Vergangenheit vorgelegt hat, nähert sich der realen Figur des einstigen tschechischen Sportstars aus der Perspektive seiner Tochter Blaha, die er Ende der 1980er Jahre als Schauspielerin persönlich kennen gelernt hat und die er im Roman leicht fiktionalisiert als Tänzerin auftreten lässt, die ein Manuskript mit Aufzeichnungen und Erinnerungen über ihren Vater mit sich herumschleppt.
Sie trifft in Jáchymov, diesem wechselvollen Ort, der in seinen grausigen Auswüchsen wie ein tschechisches Bautzen daherkommt, auf den Wiener Verleger Anselm Findeisen, der sich im Heilbad Linderung seiner starken Rheumabeschwerden erhofft. Jener Findeisen, der die Modry-Tochter geradezu hartnäckig zum Schreiben animiert, wird durch diese Begegnung selbst noch einmal mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert. Als ehemaliger DDR-Bürger saß er wegen versuchter Republikflucht im Gefängnis, wurde 1973 freigekauft und übersiedelte nach Wien.
»Schreiben war am Anfang für mich träumen. Ich kam ständig vom Weg ab, aber es endete immer bei meinem Vater«, bekennt die Tänzerin in ihren Erinnerungen. Beim einst gefeierten Eishockeystar, der einen »inneren Kampf zwischen Emigration und der Liebe zur Heimat« austrug und der 47-jährig an Leukämie starb – sehr wahrscheinlich eine Folge der gnadenlosen Zwangsarbeit im Uranbergbau.
Die durch totalitäre Systeme zerrissenen Lebenswege von Findeisen und der Tänzerin kreuzen sich zufällig an einem geschichtsträchtigen Ort – so zufällig, wie einst Haslingers Begegnung mit der schauspielernden Modry-Tochter am Rande einer Bühnenrevue in Wien. Aus Akten, Briefen und Erinnerungsfragmenten lässt Josef Haslinger, Professor für literarische Ästhetik in Leipzig, ein einfühlsames, rückwärtsgewandtes Vaterportrait, gleichzeitig ein opulentes Geschichtspanorama und auch noch eine künstlerische Einführung in die Eishockey-Welt entstehen – geschickt verborgen hinter einem selbst errichteten Schutzwall der Fiktionalisierung.
Der Roman handelt schließlich in wesentlichen Teilen von den Aufzeichnungen der (wenn auch nur leicht) verfremdeten Tochter-Figur. Und wer den Zwischentönen etwas Gehör schenkt, dem wird sich rasch erschließen, dass in der Anselm-Findeisen-Figur auch ein gutes Stück Josef Haslinger steckt.
»Mir geht es nicht um Europa, mir geht es um meinen Vater«, stellt die Tänzerin gegenüber dem Verleger Findeisen klar. Und doch sind sich Europa und ihr Vater auf schreckliche Weise ganz nahe, denn im Leidensweg des Eishockeystars Modry spiegelt sich ganz nachhaltig auch ein unrühmliches Kapitel der jüngeren europäischen Geschichte. Genau darin liegt die große Qualität dieses Romans; durch dieses Individualschicksal lassen sich all die menschenverachtenden Schikanen und die gigantischen Auswüchse der politischen Willkür erahnen, die sich hinter dem Eisernen Vorhang ereigneten und bis heute nicht restlos aufgearbeitet wurden.
