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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 08:52

John von Düffel: Goethe ruft an

24.10.2011

Leuchtschreiben, Tiefschreiben und ähnlich bedeutsame Dinge

Natürlich ist es nicht Goethe, der den Erzähler dieser Geschichte anruft, aber er wird von ihm insgeheim so genannt, denn er ist für seine Epoche ebenso bahnbrechend und anerkannt, wie es der Dichterfürst für die seine war. Davon ist unser Erzähler meilenweit entfernt. Abgesehen von einem eher ablehnend aufgenommenen Debütroman hat er noch nichts Nennenswertes veröffentlicht, arbeitet aber seit Jahren an »etwas Großem«, leidet an seiner Schreibblockade und lässt an sich selber kein gutes dichterisches Haar. Umso mehr verwundert es ihn, dass Goethe immer noch den Kontakt zu ihm pflegt und ihn nun gar als seinen Stellvertreter benötigt. Von BEATE MAINKA.

 

Es geht um einen Schreibkurs am Wasser, im Spreewald, in einem wunderbar schlichten Hotel, zu dem sich eine Handvoll Autoren alljährlich trifft, um des Meisters Anweisungen zu lauschen und am eigenen Stil zu feilen. Diese Anweisungen hat Goethe einst auf dem hoteleigenen Papier darnieder geschrieben und lässt sie durch seine Sekretärin, vom Erzähler Frau Eckermann genannt, überbringen. Offenbar enthält die Mappe die Formel, die zu schriftstellerischen Höhenflügen befähigt.

 

Schon am nächsten Tag in aller Herrgottsfrühe begibt er sich also in die Lausitz, ohne auch nur einen Blick in die Papiere geworfen zu haben und stellt sich den Kursteilnehmern, die sich als ein höchst buntes Trüppchen präsentieren. Es treten auf der Literaturkritiker Dr. Schwamm, der einst unseres Erzählers Erstling verriss, die atemberaubende, nymphomane, erfolgreiche Trivialschriftstellerin Hedwig (Courths-Mahler) und das Ehepaar Fräulein Rottenmeier (Hauptfach erfolglose Naturlyrik) nebst unscheinbarem Gatten. Natürlich sind alle Namen vom Erzähler frei erfunden, beschreiben aber ihre Träger höchst treffend.

 

Wirklich produktiv und erfolgreich ist nur Hedwig, die sich ausgerechnet der U-Literatur verschrieben hat, aber von Höherem träumt. Die Männer allerdings träumen bei ihr von etwas ganz Anderem. Und alle, alle wollen sie die Mappe, das Manuskript, aus ganz unterschiedlichen Gründen, doch selbst der Erzähler kommt nicht dazu, einen Blick hineinzuwerfen. Doch braucht er sie überhaupt?

 

Es ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, den John von Düffel seinen Lesern präsentiert, auf leichte Art, hinreißend erzählt, voll geistigem Tiefsinn und schriftstellerischen Höhenflügen. Ein Beispiel für die Naturlyrik des Fräulein Rottenmeier sei hier erwähnt: »Ich liebe dich und du schläfst.« Doch wie wird daraus ein Gedicht? Trennt man es, verteilt man es auf zwei Zeilen, bekommt der Satz dadurch eine andere Bedeutung? Apropos Satz, der berühmte erste Satz, an dem alle feilen, den alle preisgeben sollen, der bereits den Inhalt des ganzen folgenden Romans widerspiegeln soll, er wird ausgiebig diskutiert und treibt dabei höchst seltsame Blüten.

 

Der Leser identifiziert sich derweil mit dem Erzähler, der zwischen Ungläubigkeit, Verblüffung und Unsicherheit schwankt. Und bedauert den, der sich dieser Situation stellen muss, denn er selbst darf sich hemmungslos amüsieren, ohne die zarten Dichterseelen durch offensichtliche Ratlosigkeit zu verletzen.

 

Von Düffel ist ein verblüffend ausgefeilter Kunstgriff gelungen, ein Brückenschlag zwischen E- und U-Literatur. Er schaut seinen Kollegen genau auf die Finger, bringt fast essayistisch anmutende Gedankengänge über seine Zunft zu Papier, gleichzeitig verfremdet, ironisiert, persifliert er und unterhält dabei vortrefflich. Von Düffel jedenfalls braucht Goethes Mappe mitnichten, er kann schreiben, auch ohne Formel. Vielleicht war er ja im Spreewald beim Kursus.

 

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