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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 08:53

Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten

10.10.2011

Ein Leben in Zeitlupe

»Ich versuche, meine Schreibroutine beizubehalten, aber es ist nicht einfach. Menschen belagern mein Haus. Ich fühle mich bedrängt, bedroht, verfolgt.« So beschrieb der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa die Schattenseiten, die mit der Verleihung des Nobelpreises im letzten Herbst verbunden waren. Da hatte er gerade seinen jüngsten Roman Der Traum des Kelten fertig gestellt, und die Präsentation in Madrid glich beinahe dem Auftritt eines Popstars. Von PETER MOHR

 

Am Anfang war es nur ein Zitat aus irgendeinem Buch, das Vargas Llosa nicht aus dem Kopf ging. Da hieß es, dass König Leopold II. von Belgien in einem Atemzug mit Hitler und Stalin genannt werden muss, mit den großen Tyrannen des 20. Jahrhunderts. Der Gedanke wurde zur Obsession, der Romancier vertiefte sich in Recherchen und stieß dabei auf den wechselvollen Lebensweg des Iren Roger Casement (1864-1916), genannt »der Kelte« – geadelter, angesehener Diplomat und gescheiterter Freiheitskämpfer in Personalunion.

 

Nun liegt die deutsche Übersetzung dieser opulenten Mischung aus Biografie und Roman, aus historischen Fakten und dichterischer Imagination vor. In seinen großen, überquellenden Romangemälden hat sich Vargas Llosa wiederholt der Ausbeutung der Ureinwohner, der blutigen Kämpfe von Untergrundorganisationen, der Korruption, der zwielichtigen Rolle der Militärs und des Totalitarismus gewidmet. Titel wie Tod in den Anden, Das Fest des Ziegenbocks, Der Geschichtenerzähler und Das grüne Haus (alle bei Suhrkamp erschienen) stießen auch hierzulande auf große Resonanz. Auch im Traum des Kelten, einer bitterbösen Klage gegen die Kolonialpolitik der europäischen Mächte, geht es um Ausbeutung, Gewalt und Tyrannei, aber auch um Doppelmoral und die zerstörerische Macht von Denunziationen.

 

Der Protagonist Casement, der es als britischer Konsul zu Ruhm und Ehre gebracht hat, reist im Auftrag der britischen Krone nach Zentralafrika, erlebt im Kongo das menschenverachtende Kolonialsystem des belgischen Königs, die unmenschliche Zwangsarbeit und die barbarische Brutalität, mit der ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht werden. Wer denkt da nicht sogleich an Joseph Conrads weltberühmte Novelle Herz der Finsternis (1899)? Und tatsächlich sollen sich Conrad und Casement wirklich kurz begegnet sein.

 

Diese schlimmen Erlebnisse des »Kelten« werden durch seine Erfahrungen mit der Kautschukindustrie im peruanischen Amazonasgebiet noch getoppt. Die literarische Weltreise führt weiter in die USA, wo Casement in einer ganz anderen, für ihn letztlich verhängnisvollen Mission tätig wird. Er sammelt Geld zur Unterstützung der irischen Freiheitskämpfer. Der homosexuelle Casement freundet sich mit dem jungen Eivind Adler Christensen an, der sich später als Spitzel des Geheimdienstes entpuppt und Casement denunziert. Das Ende ist tragisch, aber durchaus vorhersehbar: Der Kelte kehrt über die Stationen Norwegen und Berlin kurz vor dem Dubliner Osteraufstand 1916 im U-Boot nach Irland zurück, wird dann verhaftet und als Hochverräter zum Tode verurteilt. Ein homosexueller Vaterlandsverräter hatte keine Chance, seine Verdienste waren vergessen, seine Reputation zerstört, sein öffentliches Ansehen tendierte gegen Null.

 

Casements Ende birgt bei aller Tragik dennoch fast komödiantische Züge. Der Henker, im Hauptberuf Friseur, offenbart einen Funken Mitleid: »Er konnte noch ein letztes Mal ein Flüstern von Mr. Ellis hören: Wenn Sie die Luft anhalten, geht es schneller, Sir. Er gehorchte.«

 

Das ist ein großer tragischer Stoff, den Mario Vargas Llosa hier vor dem Leser ausbreitet. Doch das erzählerische Feuer brennt nur auf Sparflamme. Dieses Manko ist der komplizierten, aber letztlich missglückten formalen Konstruktion geschuldet. Der heute 75-jährige Nobelpreisträger seziert Casements Leben in 15 Kapiteln; die ungeraden sind alle im Londoner Gefängnis angesiedelt, wo er auf seine Hinrichtung wartet, also von bilanzierender, rückblickender Natur.

 

Durch den ständigen Wechsel der Erzählebenen schleichen sich somit zwangsläufig auch Redundanzen ein. Das langweilt auf die Dauer und bremst das Handlungstempo (ungewollt) auf Schrittgeschwindigkeit. Dieser gebrochene Held, diese innerlich schon seit der Kindheit in einem katholisch-protestantischen Elternhaus seltsam zerrissene Figur bewegt sich wie in Zeitlupe vor dem Auge des Lesers.

 

Nach dem nur mäßig geglückten Traum des Kelten schöpfen wir Hoffnung aus Vargas Llosas ungebrochenem Arbeitseifer (»Der Tod wird mich mit der Feder in der Hand antreffen.«) und verharren in erwartungsvoller Vorfreude auf sein nächstes Werk.

 

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