Ein aus der Zeit gefallener Held
Vielleicht will Hein ein bisschen viel, wenn er seinem Rüdiger Stolzenburg auf knapp dreihundert Seiten alles erleben lässt, was heutzutage in der Lage ist, einen gutwilligen Menschen zu destabilisieren. Da hat das Finanzamt plötzlich eine größere Nachforderung, eine Mädchengang terrorisiert den Wissenschaftler, beziehungsmäßig bekommt der Geschiedene bis auf ein paar oberflächliche Liebschaften mit Studentinnen nichts auf die Reihe und die Sprösslinge großkopferter Industrieller zeigen in seinen Seminaren offen ihre Verachtung für einen, der noch daran glaubt, die Welt ließe sich mit Kultur und feinen Sitten verbessern.
Dass er ein Mann von gestern ist, wird ihm in der Konfrontation mit dem Studenten Sebastian Hollert und dessen vermögender Familie schnell bewusst. Da gibt man sich äußerlich kultiviert, tritt als Wohltäter und Mäzen in Erscheinung, interessiert sich für das Wahre, Gute und Schöne - aber das alles ist ein reichlich dünnes Mäntelchen, unter dem sich Egoismus, Geldgier und Verachtung all jener, die sich nicht leisten können, was man sich selber leistet, verbergen.
Weiskerns Nachlass ist mehr Satire als Klage. Denn der Autor entwickelt eine im Laufe des Buchs immer deutlicher werdende Distanz zu seinem Protagonisten. Allerdings vermag er es nicht, die Spannung der ersten hundert Seiten bis zum Ende zu halten. Irgendwann ist nämlich klar, dass die Festung Stolzenburg fallen wird. Berannt von allen Seiten bröckelt schließlich auch der integerste Widerstand. Und die Versuchung, es sich so einfach wie alle anderen zu machen, ist groß. Hat man das als Leser erst einmal begriffen, vermag einen der Protagonist nicht mehr in dem Maße zu interessieren wie zu Beginn des Romans. Stattdessen wird der Blick auf eine Gesellschaft frei, die Ehrlichkeit, Engagement und Idealismus zwar eloquent einfordert, aber selten belohnt. Es ist ein bitteres Zeugnis, dass Heins Roman unserer Gegenwart ausstellt. Sein Fazit lautet: durchgefallen!
